Willi Lemke: Fußball-Spieler ein systemrelevanter Beruf ?

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Willi Lemke - Copyright SPORT1
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Willi Lemke, ehemaliger Aufsichtsrat und Manager Werder Bremen, sieht in „Der CHECK24 Doppelpass“ Risiko bei Bundesliga-Wiederbeginn:

„Da wird geküsst, wenn in der 94. Minute das 1:0 für Werder Bremen fällt. Ich sehe die Bilder vor mir. Dann gibt es kein Abstandhalten.“

Willi Lemke schlägt für künftige Krisen vor: „Wir müssen für die Zukunft einen Risikofonds bilden, das kann man seitens der DFL mit einem Teil der Fernsehgelder machen.“

03.05.2020 – PM Sport1 / ZEPPI Sport News / Frank Zepp:

Klaus Filbry, Vorsitzender der Geschäftsführung Werder Bremen, hat sich in „Der CHECK24 Doppelpass“ auf SPORT1 per Liveschalte zu den wirtschaftlichen Folgen der Krise, den positiven Coronatests in der Bundesliga und einer möglichen Saison-Fortsetzung geäußert. Willi Lemke, ehemaliger Aufsichtsrat und Manager Werder, sprach zur Rolle des Fußballs in der Gesellschaft und machte einen weitreichenden Vorschlag. SPORT1 Experte Reinhold Beckmann diskutierte über die Einführung einer Gehalts-Obergrenze im Profi-Fußball. Die wichtigsten Aussagen des „CHECK24 Doppelpass“:

Klaus Filbry (Vorsitzender der Geschäftsführung Werder Bremen):

… über die finanzielle Situation bei Werder Bremen: „Wir haben immer davon gesprochen, dass es eine wirtschaftlich sehr herausfordernde Situation ist, in die wir durch die Coronakrise unverschuldet hineingeraten sind. Am Ende des Tages fehlt uns Geld. Beim Thema Rückerstattung fehlen uns sieben bis acht Millionen. Beim Thema TV-Vertrag sind wir bei 15 Millionen Euro. Wir haben das Thema von offenen Rechnungen, bei denen wir nicht wissen, ob die fünf Millionen Euro wirklich bezahlt werden, weil auch Partner von uns in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation sind. Dann geht es weiter mit Sponsorenverträgen, die 5,8 Millionen Euro ausmachen, von denen wir nicht wissen, ob sie weiter gezahlt werden.“

„Wir wissen, dass wir sehr lange, wahrscheinlich bis Jahresende ohne Zuschauer gehen, hier können acht bis neun Millionen fehlen. Beim Thema Sponsoring können es wieder drei Millionen sein. Beim Thema Business können auch fünf bis sechs Millionen fehlen. Dann summieren sich die Zahlen und wir sind schnell in einem Worst-Case-Szenario bei 40 bis 45 Millionen Euro. Selbst wenn die Saison noch zu Ende gespielt wird, werden wir sicher über 15 bis 20 Millionen Euro sprechen.“

„Es ist ein flächendeckendes, gesamtwirtschaftliches Problem. Wir sind bis in den Herbst durchfinanziert, aber es kann sein, dass wir erstmals in der Geschichte von Werder Bremen Schulden aufnehmen müssen. Die finanzielle Situation ist ernst.“

… über den Bremer Spielort: „Wir spielen auf jeden Fall in der ersten Liga und wir werden auch auf jeden Fall im Weserstadion spielen. Wir wissen auch, dass unsere Fans vernünftig sind und zuhause bleiben.“

… über positive Corona-Tests beim 1. FC Köln: „Wir haben die Meldung mit Interesse aufgenommen und haben das auch verfolgt. Der 1. FC Köln hat das vernünftig eingeordnet. Es ist normal, dass wenn 2000 Menschen getestet werden, der eine oder andere positive Fall dabei ist. Das Gesundheitsamt hat entschieden, dass diese drei Spieler in Quarantäne kommen und die anderen als K2 klassifiziert wurden und damit nicht in Quarantäne kommen. Hier hat nicht der 1. FC Köln die Entscheidung getroffen, sondern das Gesundheitsamt.“

… über das Verhältnis Sport und Gesellschaft: „Der Sport ist natürlich wichtig, aber am Ende des Tages muss die Gesellschaft wieder Wege zurück in die Normalität finden. Wir als Sport haben ein umfassendes Konzept vorgelegt, am Ende muss die Politik entscheiden.“

… über mögliche Zwangsanordnungen für Spieler: „Grundsätzlich ist der Weg der Überzeugung, der richtige. Wir haben ein engmaschiges Konzept vorgelegt. Man muss mit dem Spieler reden und ihn überzeugen. In einzelnen Fällen, wenn es Risikogruppen im persönlichen Umfeld gibt, muss man damit verantwortungsvoll umgehen.“

… über den Fall des Kölner-Profis Birger Verstraete und dessen Interview-Zitate: „Man muss mit dem Spieler ganz in Ruhe reden und ihm darlegen, dass es ein engmaschiges System gibt. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, aber eine sehr hohe. Ich glaube nicht, dass hier eine juristische Keule weiterhilft.“

… über Abschottung der Vereine: „Das ist sehr detailliert im sportmedizinischen Konzept dargelegt. Wir versuchen, den Kreis so eng wie möglich zu halten. Es werden auch die Familien der Spieler getestet. Das ist sehr engmaschig.“

… über Rückerstattung von Tickets: „Es gibt bei uns eine klare Transparenz. Jeder, der sein Geld zurückhaben will, bekommt es auch. Wir werden keine Gutscheinlösung anbieten. Und man kann seinen Verzicht erklären. 12 Prozent der Summe werden an das SOS-Kinderdorf gespendet, weil wir uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sind.“

… über Gehaltsverzicht der Spieler: „Das kann man natürlich diskutieren. Selbst wenn die Spieler einen erheblich größeren Teil abgeben würden, würde über finanzielle Probleme der Vereine diskutiert werden. Bei Werder sind die Spieler auf uns zugekommen und haben gesagt, sie möchten auf Gehalt verzichten. Wir haben sicher eine gute Lösung gefunden, die in dem Maße liegt, wie es bei anderen Vereinen der Fall ist. Wir haben vereinbart, dass wir noch mal sprechen, wenn die Saison abgebrochen wird, weil sich die wirtschaftliche Situation dann anders darstellt. Zahlen werden wir nicht kommentieren.“

Willi Lemke (ehemaliger Aufsichtsrat und Manager Werder Bremen):

… über das Verhältnis Sport und Gesellschaft: „Wir sind die nächsten Monate überhaupt nicht sicher, weil wir nicht wissen, wann die nächste Welle kommt. Ich finde das Konzept der DFL sehr gut. Ich finde die Meinung der Regierung richtig, man kann die Bolzplätze nicht freigeben und gleichzeitig in der Bundesliga den Ball rollen lassen.“

… über Rolle der Bundesliga: „Es ist eine schwierige Frage, wenn ich höre, dass der Fußball-Spieler ein systemrelevanter Beruf ist, vergleichbar mit einem Arzt und einer Krankenschwester, komme ich ins Grübeln. Klar, wünsche ich Werder Bremen, dass es weiter geht. Aber wenn ich objektiv bin, würde ich das schwer in Frage stellen. Für 20 Millionen ist es sehr relevant und die hoffen, dass es wieder losgeht. Ich wage zu bezweifeln, ob wir schon in einer Normalisierung sind. Ganz viele Menschen werden, hoffentlich am 16. Mai, zusammenkommen in den Wohnzimmern. Und dann sitzen die nicht auf anderthalb Metern Abstand. Da wird geküsst, wenn in der 94. Minute das 1:0 für Werder Bremen fällt. Ich sehe die Bilder vor mir. Dann gibt es kein Abstandhalten.“

… über mögliche Task-Force-Mitgliedschaft: „Klaus hat das so rausgehauen. Ich war überrascht. Ich habe 37 Jahre Erfahrung in dem Bereich. Wenn mich jemand vorschlägt, würde ich mich freuen.“

… über Termin für Bundesliga-Re-Start: „Herr Seifert hat gesagt, dass es bis Ende Juli abgeschlossen sein muss. Das gibt uns ein bisschen Luft. Die fest eingeplanten Einnahmen brauchen viele andere Vereine. Ich hoffe, dass es am 16. Mai wieder losgeht.“

… über Rücklagenbildung insgesamt und bei Werder Bremen: „Wie willst du ausreichend abgesichert sein, wenn eine Pandemie weltweit um sich greift? Wir müssen für die Zukunft einen Risikofonds bilden, das kann man seitens der DFL mit einem Teil der Fernsehgelder machen. Ich drücke allen, die mithelfen, dass wir die Kurve kriegen, die Daumen, dass es gelingt. Eine Bundesliga ohne Werder Bremen kann ich mir nicht vorstellen. Unser Verein ist seit Jahren gesellschaftlich orientiert. Wir haben als erste ein Fanprojekt gegründet. Das geht in der Debatte um goldene Steaks unter.“

Thorsten Fink (Trainer Vissel Kobe):

… über die Situation in Japan: „Wir haben auch einen Shutdown, der wohl bis 31. Mai verlängert wird. Man darf aber raus, die Kinder dürfen auf den Spielplatz, einige Läden sind offen. Die Leute sind aber sehr vorsichtig. Wir dürfen nicht trainieren. Der Vorteil ist, dass wir bis Dezember spielen. Wir haben noch mehr Möglichkeiten, etwas zu richten. Keiner weiß genau wie es weitergeht. Die Szenarien sind da, die Leute bereiten sich vor. Aber es kommt auf die Situation an, die sich kurzfristig ändern kann.“

… über seine persönliche Situation: „Meine Familie ist in Deutschland. Das Schlimmste ist, dass ich nicht zu meiner Familie kann. Ich sitze hier und kann eigentlich nichts machen, außer mir die Spiele noch mal anzugucken. Wir hatten bisher fünf Spiele, haben alle gewonnen, sportlich ist es daher nicht so dramatisch. Ich könnte eine neue Sprache lernen, aber Japanisch ist mir zu schwierig.“

Dr. Alfons Madeja (Professor für Betriebswirtschaft und Sportmanagement, Erfinder des Bundesliga-Barometers):

… über die Bedeutung eines Re-Starts der Bundesliga: „Man darf nicht so tun, als ob wir von verschiedenen Bevölkerungskreisen sprechen. Wir sollten keine Spaltung betreiben, sondern gemeinsam nach vorne schauen. Wir müssen ein Bewusstsein schaffen für die Bedeutung der Bundesliga und des Sports. Wenn wir die Arbeitsplatzpyramide der Bundesliga, die beginnt mit 56.000 Arbeitsplätzen, aber 400.000 indirekten und 3 Millionen im gesamten Sport. Wir sollten das Thema Bundesliga als Pilotprojekt für andere Branchen nehmen. Wir haben ein Gesundheitskonzept, das wir ausprobieren sollten, auch für alle anderen Bereiche.“

SPORT1 Experte Reinhold Beckmann:

… über die Rolle der Spieler: „Es wird eine Debatte geben. Da gilt es, einiges auszuhalten. Es werden andere Gruppen der Gesellschaft kommen und sagen, das ist der falsche Weg. Ich habe die Aktion von Kimmich und Goretzka begrüßt, aber danach kam nichts. Wären da mehr aufgesprungen und hätten einen Sozialfonds gegründet zur Unterstützung der Schwachen, dann hätten wir jetzt eine andere Diskussion. Dann hätten viele gesagt: Das ist vorbildlich. Das hätte ein anderes Klima geschaffen.“

… über eine mögliche Gehaltsobergrenze: „Es ist europäisch sehr schwer, einen Wert für eine Gehaltsobergrenze zu definieren. Mir fehlt die Fantasie, das europäisch zu regulieren.“

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