Herbert Müller vom Thüringer HC: „Deutschland kann Handball-Weltmeister werden“

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Herbert Müller vom Thüringer HC: „Deutschland kann Handball-Weltmeister werden“ - Foto: Hans-Joachim Steinbach
Herbert Müller vom Thüringer HC: „Deutschland kann Handball-Weltmeister werden“ – Foto: Hans-Joachim Steinbach

Herbert Müller, erfolgreichster deutscher Handball-Vereins-Trainer des letzten Jahrzehnts, katapultierte sich mit sechs deutschen Meistertiteln in Folge mit dem Thüringer HC in die legendäre „Hall of Fame“ des deutschen Frauen-Handballs. Nach dem siegreichen Bundesliga-Match beim HC Leipzig stand Herbert Müller im ausführlichen Interview SPORT4FINAL-Redakteur Frank Zepp zur Verfügung.

Herbert Müller äußerte sich zur abgeschlossenen Saison in der EHF Champions League, den Chancen des Thüringer HC in Meisterschaft und DHB-Pokal sowie den Aussichten der deutschen „Ladies“-Nationalmannschaft von Bundestrainer Michael Biegler für die Handball-Weltmeisterschaft im Dezember 2017 in Deutschland.

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29.03.2017 – SPORT4FINAL / Frank Zepp:

SPORT4Final-Redakteur Frank Zepp in Wroclaw
SPORT4Final-Redakteur Frank Zepp in Wroclaw

Herr Müller, was ist für den Thüringer HC in der Handball-Bundesliga noch drin?

Herbert Müller: „Alles. Es sind noch 8 Spieltage und so viele Punkte zu vergeben. Man muss einfach auf sich selbst schauen und fleißig Punkte nach der Eichhörnchen-Methode sammeln. Prioritäres Ziel ist sicher, diesen zweiten Platz zu festigen. Auf uns gucken und fleißig trainieren.“

Konstanz der letzten Jahre fehlte

Konstanz und Qualität haben in dieser Saison nach Ihren eigenen Worten gefehlt. Können Sie bitte dies noch etwas detaillierter erläutern?

Herbert Müller: „Es war sogar, dass wir zu Hause überragende Spiele hatten. Auch in der Champions League gegen Gegner, die uns eigentlich haushoch überlegen sind. Wir haben da fleißig Punkte gesammelt. Es hätten auch noch mehr werden können. Vielleicht war in der entscheidenden Phase dann doch dieses Qualitätsmerkmal nicht da, um die ganz Großen zu schlagen. Wir hatten aber auch immer Probleme bei den Auswärtsspielen in der Bundesliga. Da mussten wir hart kämpfen und hatten oft auch leichte Leistungsschwankungen. Diese Konstanz der letzten Jahre hatte doch gefehlt. Aber im Endeffekt, wenn ich auf die Tabelle gucke, hatten wir in den letzten Jahren wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt auch vier Minuspunkte. Außer im Barbosa-Jahr. Aber solange rechnerisch etwas möglich ist, hoffen wir natürlich auch.“

Die Champions League ist abgeschlossen. Tollen Heimspiele standen Auswärts-Schlappen in Metz, Budapest und Astrachan gegenüber. Da wäre mehr drin gewesen, sogar das Viertelfinale der Königsklasse.

Herbert Müller: „Definitiv. Da muss man gar kein Rechenkünstler sein. Wir hätten in Astrachan gewinnen müssen. Gegen Skopje zu Hause war das nur ein Pfostenwurf von Manon Houette entfernt und dann gewinnen wir dieses Spiel. Gegen Budapest lagen wir zwei Minuten vor Schluss drei Tore vorn. Das sind vier Punkte und mit diesen stehst du im Viertelfinale. Ob es nun reizvoll ist, gegen Györ im Viertelfinale zu spielen, ist die große Frage. Wir haben mit unseren Möglichkeiten eine super gute Champions-League-Saison gespielt. Das Ziel Hauptrunde hatten wir klar erreicht. Alles gut.“

Das DHB-Pokal-Finale ist Ihr großes Ziel, um den einzigen Titel in dieser Saison aus eigener Kraft noch holen zu können?

Herbert Müller: „Definitiv. Das ist der kürzeste Weg mit zwei Spielen zu einem Titel. Trotzdem aber sehr schwer, weil wir einen kleinen Kader haben. Wir werden nach Jana Krause und Szimonetta Planeta auch noch Annika Niederwieser verlieren, die sich an der Schulter operieren lassen muss. Von daher sind die Alternativen dünn gesät. Aber du hast in zwei Tagen zwei Spiele und da musst du fighten bis zum Umfallen. Und das kann der Thüringer HC.“

Personell jung deutsch auffrischen

Sie sagten im Vorgespräch, es wird in der nächsten Saison einen Umbruch geben. Was wird sich personell, strukturell und spielerisch ändern? Was haben Sie vor?

Herbert Müller: „In erster Linie brauchen wir mehr deutschsprachige Spielerinnen. D. h., wir werden definitiv jung deutsch auffrischen. Das ist das Ziel. Wir werden einen Umbruch haben dahingehend, dass fünf, sechs gehen und auch so viele neue Spielerinnen kommen. Und da sind Geduld und eine riesen Motivation gefragt. Die Generation der zehn Titel kommt auch langsam in ein Alter, wo sich bald die Letzten verabschieden. Ich freue mich auf den Umbruch. Ich weiß auch, dass wir finanziell mit anderen Mannschaften gerade aus dem Süden Deutschlands nicht mithalten können. Wir werden in unserem Rahmen das Beste tun. Das Wichtige ist, dass wir in unserem Aufsichtsrat Leute haben, die schauen, dass nur das ausgegeben wird, was wir auch haben. Aus aktuellem Anlass ist das eine wichtige Geschichte.“

Bisher ist nur bekannt, dass Nina Schilk und Anne Hubinger neu zum Team stoßen. Wer kommt noch hinzu?

Herbert Müller: „Wir werden Neuzugänge haben, die wir im richtigen Moment bekanntgeben werden.“

Macarena Aguilar bleibt beim Thüringer HC

Mit Macarena Aguilar hatten Sie aber kürzlich ein Gespräch?

Herbert Müller: „Macarena Aguilar wird beim Thüringer HC bleiben. Es ist noch nichts unterschrieben, aber ich habe ihr Wort. Meine Spielerinnen wissen, zwischen Trainer und Spielerin ist ein Wort wie ein unterschriebener Vertrag.“

Was möchten Sie am Spielsystem kommende Saison noch ändern?

Herbert Müller: „Der ganze Handball geht über die Athletik ins Zweikampfverhalten immer mehr auch bei den Frauen. Auch im Männerbereich ist es nichts Neues, du musst einfach Zweikämpfe gewinnen. Das ist keine neue Erkenntnis. Aber es erlangt immer größere Bedeutung. Denn du kannst über neue Spielzüge den Handball nicht neu erfinden, sondern du musst einfach in der Grundausbildung solche Werte nach vorne kehren. Damit du ein sehr, sehr gutes Zweikampfverhalten hast und wer da die meisten Zweikämpfe gewinnt, der wird auch im Frauenbereich die meisten Spiele gewinnen. Und wenn man das dann kombiniert mit einem schnellen Spiel, mit Spielwitz, dann kann da etwas Gutes heraus kommen.“

Dinah Eckerle auf Champions-League-Niveau

Zur Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland: Dinah Eckerle ist für mich ein Parade-Beispiel für eine konstant gute Ausbildung im Verein. Sie kann im Dezember für die deutschen „Ladies“ eine entscheidende Rolle spielen?

Herbert Müller: „Wir sind mächtig stolz auf Dinah. Sie ist diesen Weg gegangen, der vielen Jugendlichen heute so schwer fällt. Es heißt immer so schön: Du musst die Jugend fördern und sie muss kommen. Aber die Jugendlichen müssen auch wollen. Sie müssen auch bereit sein, eine richtige Karriere-Planung über sich ergehen zu lassen. Wir haben Dinah schon hoch gezogen, da war sie noch fünfzehn Jahre. Wir haben ihren Geburtstag abgewartet, um ihr den Bundesliga-Pass auszuhändigen. Aber Dinah war auch bereit, in Bad Wildungen und Kirchhof Doppel-Spielrechte wahrzunehmen. Sie war bereit, an uns zu glauben, als wir sagten, du musst diesen Weg mitgehen. Und sie ist diesen Weg gegangen. Wie richtig der war, hat sich mehr als bestätigt. Mit 21 so weit zu sein wie Dinah. Das ist unfassbar. Sie ist eine Spielerin, die Champions-League-Niveau hat.“

Was können Sie als Vereinstrainer dem Bundestrainer mit auf den Weg geben. Wo steht Ihrer Meinung nach die Nationalmannschaft und was muss unbedingt bis Dezember noch verbessert werden?

Herbert Müller: „Die Kommunikation zwischen Michael Biegler und mir ist hervorragend. Wir telefonieren mindestens einmal pro Woche. Wir tauschen uns sehr rege aus. Ich habe schon das Gefühl, dass er gibt und nimmt. Ich vertraue ihm da zu hundert Prozent und bin mir sicher, dass er auf Grund seiner Erfahrungen auch die richtigen Lösungen finden wird. Wichtig ist: Endlich steht mal die ganze Liga hinter diesem Projekt 2017 und hinter Michael Biegler. Ich bin sehr froh, dass Michael Biegler und Wolfgang Sommerfeld das machen. Was es da zu diskutieren gibt, tun wir unter vier Augen.“

In der Lage, sogar Handball-Weltmeister zu werden

Trotzdem muss ich nochmal nachfragen. Welche entscheidenden Punkte fehlen der Nationalmannschaft zur Weltspitze, um bei der Weltmeisterschaft ins Halbfinale zu kommen?

Herbert Müller: „Der Mut, die entscheidenden Spiele zu gewinnen. Der Glaube an die eigene Leistung. Die Sicherheit zu wissen, dass sie Jeden auf dieser Welt schlagen können. Das ist Etwas, was nicht von heute auf morgen wächst. Denn das hat man ihnen ja fast zehn Jahre ausgeredet. Wir sind von der Breite und den Spielerinnen so aufgestellt, dass wir locker auf eine Susann Müller verzichten können und trotzdem in der Lage sind, sogar Handball-Weltmeister zu werden. Von daher brauchen wir noch die kurze Entwicklung in der Athletik, das Verfeinern des Zusammenspiels und müssen den nächsten Schritt machen. Der erste Schritt war bei der EURO da. Und jetzt den Siegeswillen, den Glauben an das Mögliche haben und das Projekt so anzunehmen, dass wir tatsächlich mit einer Medaille nach Hause kommen.“

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin, Herr Müller.

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