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Handball EM 2020 Frauen: Deutschland in Stagnations-Phase

Handball EM 2020 Frauen EHF EURO – DHB Deutschland – Foto: Sascha Klahn/DHB

Handball EM 2020 Frauen EHF EURO Dänemark:

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft der Frauen mit Bundestrainer Henk Groener belegte den siebenten Platz bei der Handball Europameisterschaft.

Wie ist diese Platzierung im „Konzert“ der großen europäischen Handball-Nationen einzuordnen? Welche Performance zeigte die DHB-Auswahl auf der Platte von Kolding? Team-Weiterentwicklung oder Stagnation der deutschen Frauen – dies ist die Gretchen-Frage nach dem Championat.

Ein Kommentar von SPORT4FINAL-Redakteur Frank Zepp.

Handball EM 2020: Deutschlands Frauen mit Stagnation

Andreas Michelmann „Ziel ist Heim-WM 2025“

Henk Groener „Niveau-Erhalt. Kein Schritt nach vorn“

Handball Europameisterschaft 2020:

Deutschland auf EURO Rang 7

Kroatien bezwang Deutschland

Deutschland unterlag Niederlande

Deutschlands Weg ins Halbfinale

Wie gelangt Deutschland ins Halbfinale

Antje Lauenroth „Halbfinale ist Ziel“

Henk Groener „Mannschaft wächst wieder“

Deutschland bezwang Ungarn

Deutschlands Frauen unter Erfolgsdruck

EHF EURO: Zeit zu liefern für Deutschlands Frauen

Henk Groener „Nicht das Gelbe vom Ei“

Henk Groener „Wellenförmige Leistungsdynamik“

Deutschland in der Hauptrunde

Henk Groener „Auf dem Weg nach oben“

Norwegen deklassierte Deutschland

Deutschland im „Prozess der kollektiven Weiterentwicklung“

Deutschland bezwang Rumänien verdient

EHF EURO: Fakten, Favoriten, Modus, Spielplan, TV

EHF EURO Dänemark: Hygiene-Konzept

Dinah Eckerle „Auf sehr gutem Weg“

Kim Naidzinavicius „Hoffe, dass es mal für Halbfinale reicht“

EHF EURO: Deutschlands 18er Kader

17.12.2020 – SPORT4FINAL / Frank Zepp:

Handball EM 2020 Frauen EHF EURO Dänemark, Handball Europameisterschaft, Deutschland Kommentar:

Norwegens Chefcoach Thorir Hergeirsson sagte auf der EHF-Pressekonferenz vor dem Halbfinale gegen Dänemark. „Das Niveau im internationalen Top-Handball ist so hoch, dass man mit den besten Spielern spielen muss.“ Da stellt sich unweigerlich die Frage, wie weit die deutschen Frauen von diesem höchsten Level aktuell entfernt sind?

Handball WM 2019 – Ausgangslage

Henk Groener nach WM-Platz 8: „Mit dem Schritt vorwärts müssen wir zufrieden sein.“ Qualitativ gute deutsche Spiele waren in der Vorrunde gegen Dänemark, Frankreich und Südkorea zu testieren. In der Hauptrunde stellte der Sieg gegen den späteren Weltmeister Niederlande das DHB-Husarenstück im positiven Sinne dar. Erst ein serbischer Siebenmeter-Treffer eine Sekunde vor Spielende besiegelte die Niederlage Deutschlands und verhinderte das vorzeitige Erreichen des Halbfinals bei der Handball Weltmeisterschaft. Insofern stellte trotz Nicht-Qualifikation für das olympische Handball-Turnier die Weltmeisterschaft definitiv eine Team-Weiterentwicklung zur EHF EURO 2018 dar.

Corona-Vorbereitung 2020

Henk Groener verwies bald in jeder DHB-Pressekonferenz auf die ungenügende Vorbereitung im letzten Jahr angesichts der Corona Virus Pandemie. Da dies alle europäischen Nationen betraf und einige Top-Nationen gar ohne mehrere Top-Spielerinnen (Russland ohne vier Stammspielerinnen incl. Anna Vyakhireva) auskommen mussten, ist aus Sicht des Kommentators dieses Argument inhaltlich äußerst schwach, wenn auch nicht hundert Prozent von der Hand zu weisen. Aus der deutschen Stamm-Mannschaft fehlten nur verletzungs- oder Corona-bedingt Meike Schmelzer und EM-All-Star 2018 Alicia Stolle.

Prädikate der Spiele

Deutschlands Leistungs-Qualität in der Vorrunde war insgesamt schwach: Gegen Rumänien ein durchschnittliches Prädikat. Das Norwegen-Match mit historischer deutscher Niederlage sorgte für eine katastrophale Einschätzung. Das Remis gegen Polen konnte auch nicht als handballerischer Leckerbissen, weil schlecht über 40 Minuten, angesehen werden. Nur gegen Ungarn erfolgte dann die Leistungssteigerung mit dem Gesamtprädikat gut. Die ersten Halbzeiten gegen den Weltmeister Niederlande und Kroatien waren nur Durchschnitt und die zweiten Halbzeiten noch weniger (Niederlande) bis katastrophal (Kroatien). Nur ein Match, bei dem sich Leistung und Leistungsvermögen der deutschen Frauen annähernd in der Waage hielten, ist für die Ansprüche einer historisch großen Handball-Nation (Viermal Weltmeister!!) viel zu wenig.

Ansprüche

Wenn Henk Groener auf DHB-Pressekonferenzen einschätzt, die Erwartungshaltung und Ansprüche sind in Deutschland etwas zu hoch in der Öffentlichkeit, kann man nur entgegnen, dass wir hier nicht ins Mittelmaß abgleiten dürfen. Dies betrifft die Arbeit der Vereine im nationalen und internationalen Wettbewerb genauso wie die deutsche Nationalmannschaft. Mehrere deutsche Nationalspielerinnen sprachen vor und während der EHF EURO von ihrer Sehnsucht nach dem Halbfinale. Dieses war nach den Ergebnissen der Hauptrunde und des Ungarn-Erfolges sogar zweimal in eigener deutscher Hand. Insofern war dieser Anspruch nicht zu hoch, sondern trotz der Corona-Bedingungen realistisch. Für den Kommentator wäre auch das Spiel um den fünften Platz ein (kleiner) Erfolg gewesen.

Performance

Die besten sechs Mannschaften dieses Turniers sind aus Sicht der Team-Performance der DHB-Auswahl enteilt. „Gefühlt“ und im realistischen Leistungsbild der o.g. Spiele bei der Handball WM in Japan war Deutschland vor einem Jahr an der Weltspitze näher dran als jetzt in Dänemark. Mitreißende Qualitäts-Matches anno 2019 bot die deutsche Mannschaft bei der EHF EURO nicht, Ausnahme Ungarn. In Japan gelang es öfter, Rückstände zu korrigieren und in Führung zu gehen sowie Punkte mitzunehmen. Die Team-Performance 2020 wurde im negativen Sinne von den schwächeren Leistungen der Führungs-/Stammspielerinnen getragen.  

Führungsspielerinnen

Um es deutlich zu sagen: Deutsche Führungsspielerinnen mit Champions-League-Erfahrung enttäuschten (fast) auf ganzer Linie. Kim Naidzinavicius, Emily Bölk und Xenia Smits aus dem Rückraum, Julia Behnke am Kreis. Dinah Eckerle, die insgesamt eine akzeptable bis gute EURO spielte, zeigte gerade in der entscheidenden Partie gegen Kroatien nicht ihr vorangegangenes Leistungsvermögen. Da bleibt wieder die Uralt-Weisheit zu erwähnen: Spieler/Innen reifen zur Weltklasse, wenn sie in den wichtigsten Matches bei Großereignissen in den spielentscheidenden Phasen (Crunchtime!) genau die richtigen, sprich siegbringenden, Entscheidungen treffen.

Champions-League-Niveau

Henk Groener betonte öfter, dass Europameisterschaften auf Champions-League-Niveau gespielt werden. Unsere deutschen Teams in der Königsklasse, Borussia Dortmund und die SG BBM Bietigheim, spielen dort bislang auch keine entscheidende Rolle und haben Schwierigkeiten, sich für die Play-offs (Top 12) oder sogar das Viertelfinale zu qualifizieren. Die Königsklasse ist nun mal in der individuellen Weiterentwicklung die Leistungs-Schmiede für Nationalspielerinnen. Unsere Führungsspielerinnen profitieren aktuell nicht davon. Julia Maidhof ist das positive Gegen-Beispiel. Eine Frage der Qualität!

Siegeswille und Mentalität

Beide wichtigen Punkte habe ich in der zweiten Halbzeit gegen Kroatien schmerzlich vermisst! Diesbezüglich waren wir in Japan mehrere Schritte voraus.

Druck in der Crunchtime

Mit Druck in der Crunchtime richtig umzugehen ist neben der Erfahrung in solchen Situationen auch immer mit einer weitestgehend konstanten Team-Leistung über 50 bis 60 Minuten zu verbinden. Allein die Niederlagen gegen die Niederlande und Kroatien hierauf zurück zu führen, ist viel zu kurz gedacht. Denn wenn das Leistungs-Plateau der deutschen Spielerinnen im Turnier nicht auf hohem Niveau vorhanden ist, dann fällt es in Druck- und Crunchtime-Momenten noch schwerer, Matches zu wenden. Zumal auch bspw. Torhüterin Tess Wester zwei völlig freie Bälle in der Schlussminute von Zapf und Behnke parierte. Insofern ist auch die Qualitäts-Frage des Gegners nicht außer Acht zu lassen.

Chancenverwertung

Die Chancenverwertung scheint aktuell das größte „Sorgenkind“ der deutschen Frauen und auch ein signifikanter Faktor für die fehlende Team-Entwicklung, weil Erfolgsfaktor in Spielen, zu sein. Deutschland liegt nach der Hauptrunde auf dem vorletzten Platz aller EURO-Teilnehmer mit 51 Prozent. Norwegen führt mit 66 Prozent vor Dänemark (64) und Frankreich (63). Kroatien steht immerhin noch bei 60 Prozent. In der Torschützenliste liegt die beste deutsche Spielerin Julia Maidhof mit 24 Treffern (52 Prozent Quote) auf dem 15. Platz. Kim Naidzinavicius (38 Prozent), Alina Grijseels (44 Prozent), Emily Bölk (42 Prozent), Xenia Smits (50 Prozent) haben dagegen unterirdische Quoten für Rückraum-Spielerinnen.

Abwehr-Instabilität

Neben der Chancenverwertung zeigte sich ebenfalls eine Abwehr-Instabilität (gegen Norwegen, Niederlande, Kroatien). Fehlende Kompaktheit, das schnelle vertikale und horizontale Verschieben funktionierte nicht immer. Gegen Kroatien war auch der Innenblock sehr anfällig. Agiert die Abwehr nicht auf hohem Niveau, dann fällt es eben schwer, schnelle Gegenstöße zulaufen.

Henk Groener

Eine Lanze für den Weltklasse-Coach Henk Groener als Bundestrainer und seine weitere Beschäftigung als Bundestrainer (Vertrag vorerst bis 31. Dezember 2021) zu brechen, hieße „Eulen nach Athen zu tragen“. Insofern war die Rückendeckung und das Statement von DHB-Präsident Andreas Michelmann auf der DHB-Pressekonferenz nach dem Kroatien-Spiel überflüssig.

Weiterentwicklung

Der folgende Hinweis vom DHB-Präsidenten war notwendig: „Wir haben nicht ansatzweise die strukturelle Stabilität, wie sie Norwegen oder die Niederlande haben. Wir als DHB müssen die Strukturen so ändern, dass wir langfristig erfolgreich sind. Unser Ziel ist die Heim-WM 2025. Bis dorthin haben wir einige Baustellen.“

Für den Kommentator und die vielen Fans des deutschen Frauen-Handballs wäre es aber wichtig und erstrebenswert, schön früher mit der Weiterentwicklung der deutschen Mannschaft zum Weltklasse-Team und mit entsprechenden Erfolgen vor 2025 für Furore zu sorgen. Denn die derzeitige Stagnations-Phase sollte zeitnah (2021) überwunden werden.

Strukturell sollte man auch über eine substanzielle Verkleinerung der Bundesliga zur Erhöhung der Qualität der Begegnungen, gerade auch für die Spitzen-Teams, nachdenken. Play-off-Spiele, die es vor grauen Vorzeiten schon gab, wären auch überlegenswert. Die aktuellen Spitzenteams, außer wahrscheinlich Bietigheim, scheinen finanziell auch nicht „auf Rosen gebettet“ zu sein. Dies erschwert im Besonderen den Kampf um Titel auf europäischer Vereins-Ebene. Top-Clubs unseres Kontinents haben Saison-Etats jenseits unserer deutschen Spitzenmannschaften.

Trotzdem bleibt das A und O für die Weiterentwicklung der deutschen Nationalmannschaft die verbesserte individuelle Klasse (auch Physis nicht vergessen!). Der nächste Groß-Event wartet schon mit der Handball Weltmeisterschaft 2021 in Spanien.

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