Die Zeit: Wenn sie ausrasten. Es wird gepöbelt, gewütet und gemahnt.

Warum Gefühlsausbrüche der Betreuer im Fußball so sinnlos sind

Von CATHRIN GILBERT, 02. Oktober 2013

Wenn man die Beteiligten danach fragt, landen alle bei einem Begriff: Bayerns Trainer Pep Guardiola zum Beispiel rügt den Sportdirektor in seiner charmanten deutsch-spanischen Aussprache als sehr emotionelle, Sammer wiederum beklagt die fehlende Emotionalität in der Mannschaft, und Jürgen Klopp entschuldigt seinen Auftritt damit, total emotionsgeladen gewesen zu sein.

Emotion also. Keine Sportart produziert sie so im Überfluss wie der Fußball. Das Geschäft lebt von der permanenten Erregung. Aber wie viel davon ist echt? Sind die Wutausbrüche nur gespielt? Und wem dienen sie eigentlich?

Man muss sich die Fußballwelt wie eine große Arena mit zwei Bühnen vorstellen – die eine steht in der Mannschaftskabine, zu dieser hat die Öffentlichkeit keinen Zugang. Und dann gibt es das äußere Podest fürs Publikum. Dort gilt: Je mehr Spektakel, desto besser. Die Show soll tief ins Mark der Fans dringen – sie sollen über alle Maßen erregt werden. Um diese Wirkung zu erzielen, muss der Reiz immer stärker werden. Die Musik wird lauter, die Stadien werden größer, die Athleten teurer, es gibt keine Grenzen, das Crescendo soll, nein: darf nie aufhören.

Erfolgreiche Fußballmannschaften werden heute ähnlich wie Wirtschaftsunternehmen nicht mehr nach dem simplen Prinzip von Leistung und Gegenleistung getrimmt (das wäre die sogenannte transaktionale Führung à la Felix Magath). Nicht nur das Ziel, sondern auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft soll das Team zum Erfolg tragen (»transformationale Führung«, zu beobachten etwa beim Mainzer Trainer Thomas Tuchel). Moderne Trainer erzeugen Begeisterung und Zuversicht. Sie reißen die Spieler mit, indem sie ein Gefühl des Stolzes und der Wertschätzung vermitteln.

Jürgen Klopp ist neben Jürgen Klinsmann einer der ersten deutschen Trainer, die Inspiration vorleben. Er fordert nicht nur Begeisterung, er ist auch selbst begeistert und kann damit seine Mannschaft anstecken. Das funktioniert natürlich nur gepaart mit fachlicher Kompetenz, über die Klopp das Vertrauen der Spieler gewinnt. Nach außen aber wütet Klopp. Er bedient beide Bühnen, treibt nicht nur die Mannschaft an, er peitscht auch die Zuschauer auf. Die Medien feiern ihn als den Mann, der »auf die Pauke haut« und den »Hunger vermittelt«. Spricht man Klopp darauf an, dann spürt man, dass er eine Hassliebe zu diesem Klischee entwickelt hat. Er genießt seine Rolle, weiß aber, dass sie in dem Moment gefährlich werden kann, wenn es ihm nicht mehr gelingt, zwischen Image und Realität zu unterscheiden, wenn er den Überblick verliert und eigene Persönlichkeit, Showgeschäft und Stressbewältigung aufeinanderprallen. Dann knallt es, und er attackiert den Vierten Offiziellen wie ein Stier den Torero.

In dieser Szene spiegelt sich neben dem Charakter Klopps ein Konflikt, der in die Tiefe des Fußballbetriebes führt. Es geht um die Frage: Was macht erfolgreiche Führung im Fußball aus? Reicht Emotion allein aus? Welche Fähigkeiten zeichnen den modernen Trainer von heute aus? »Eine der wichtigsten Kompetenzen im Profifußball ist die Kunst, das eigene Verhalten in Drucksituationen nicht von äußeren Reizen und Erwartungen beeinflussen zu lassen«, sagt Philipp Lahm. Der 29-Jährige ist Kapitän des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft. Es sei nicht leicht, ein Fußballteam zu dirigieren, gerade »weil alles emotionalisiert wird«. Der moderne Trainer sollte also auf eine gewisse Art eine zwiegespaltene Persönlichkeit sein: Nach innen muss er leidenschaftlich begeistern können und nach außen in sich ruhen wie ein Mönch beim Meditieren. Gelingt es dem Trainer nicht, seine Emotionen zu kontrollieren, dann wirkt sich das sofort auf die Mannschaft aus: Wenige Minuten nach dem Ausraster Klopps wurde der Dortmunder Torhüter Roman Weidenfeller vom Platz gestellt, Dortmund verlor das Spiel gegen den Außenseiter Neapel 1 : 2.

Philipp Lahm ist ein Betroffener der aktuellen Führungsdebatte. Die Wutrede des Sportdirektors Matthias Sammer war nicht zuletzt an den Kapitän der Mannschaft adressiert. Die Zeit, in der Trainer wie Giovanni Trapattoni für ihre öffentliche Kritik an der Mannschaft von der Vereinsführung gelobt wurden, ist jedoch vorbei. Das merkt man an der Reaktion des Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß. »Darüber werden wir sicherlich reden«, rügte dieser Sammer nach dessen Fernsehauftritt. Es entstehe ein Eindruck vom FC Bayern, der nicht gut sei.

»Ein guter Trainer und Kapitän moderiert, er diktiert nicht«, sagt Lahm. »Schon gar nicht mithilfe der Öffentlichkeit.«

Aber wie gelingt es einem Trainer, der seine Mannschaft intern emotional führt, seine Erregung nach außen zu kontrollieren, die beiden Bühnen also nicht zu vertauschen?

Pep Guardiola ist ein gutes Beispiel dafür. Er meidet die Öffentlichkeit, Interviews gibt er gar keine. Diese Rolle hat er seinem Sportdirektor Matthias Sammer überlassen, dem sieht man selbst in Phasen der Kritik richtig an, wie stolz er darauf ist, die Sehnsucht des Publikums nach Show bedienen zu dürfen.

Philipp Lahm hat der Auftritt Sammers nicht gefallen. Es gehört aber zu seinem moderaten Stil, das Vorstandsmitglied nicht direkt anzugreifen und trotzdem deutlich zu werden. Wenn ein Verantwortlicher das Gefühl habe, die Mannschaft kritisieren zu müssen, »dann soll der das doch bitte intern machen«, sagt Lahm. Die heutige Spielergeneration sei im Gegensatz zu der früheren dazu erzogen worden, über Probleme zu sprechen, Begründungen einzufordern und zu diskutieren. Jeder dürfe ihn und seine Mannschaft kritisieren. Wenn jemand sich trotzdem für die öffentliche Wutrede entscheide, dann müssten der Einsatz und die Art sehr gut überlegt sein. »Es dauert, bis man ein Gefühl dafür entwickelt, wann der richtige Zeitpunkt für diese Form gekommen ist und in welchem Ton man das macht«, sagt Lahm. »Im Moment der Kritik muss man die Emotionen zurückhalten können. Wenn der Chef zu emotional ist, dann verliert der irgendwann. Dann ist er nicht mehr so glaubwürdig. Das geht dann immer auch vom Chef in die unteren Abteilungen.«

Lahm ist in München einer besonderen Spannung ausgesetzt. Jeder Bayern-Verantwortliche spielt eine bestimmte Rolle – wie im Theater. Weil alle anderen Positionen vergeben sind, hat sich Matthias Sammer in der Funktion des Mahners eingerichtet. Da er keinen direkten Einfluss auf die Mannschaft hat, sucht er seine Bühne in der Öffentlichkeit. Es ist schwer zu sagen, ob Sammers Auftritt etwas bewirkt hat oder nicht. Das Seltsame an Wutreden ist: Sie überleben sowohl Erfolg als auch Misserfolg. Die Bayern haben seit dem Auftritt ihres Sportdirektors dreimal gewonnen.

Einen Zusammenhang zwischen Sammers Kritik und den Siegen wird niemand belegen können. Lahm sagt etwas, das schärfer ist als die Kritik an der Sache: »Für uns Athleten spielt das, was die Verantwortlichen in der Öffentlichkeit sagen, nicht die ganz große Rolle.« Nehmen die Spieler öffentliche Kritik wie die von Matthias Sammer also gar nicht wahr oder ernst? »Für uns ist wichtig: Wie agiert unsere Führungsperson intern?« Pep Guardiola mache das ausgesprochen leidenschaftlich und klug, sagt Lahm. Er spreche das intern aus, was andere über die Öffentlichkeit transportierten. »Wenn wir Spieler merken, dass die Verantwortlichen das Scheinwerferlicht nicht brauchen, dann kriegen sie von uns uneingeschränkte Rückendeckung.«

Der moderne Trainer soll emotional und gefühlskalt zugleich sein – ach, Fußball kann so schön sein.

Quelle:

DIE ZEIT
Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen

Presse-Vorabmeldung vom 02.10.2013

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