Herbert Müller: „Wir sind schon so weit, um auch einen Cup Winners Cup oder EHF-Cup gewinnen zu können.“ – SPORT4Final-Exklusiv-Interview mit Herbert Müller, Cheftrainer des Thüringer HC – Saison-Analyse – Teil 2

Die Schlüsselpositionen in der Mannschaft sind so entscheidend.
Unser Ziel muss es sein, Titel zu verteidigen, ohne Titelpflicht.

 

Sie sind ein Trainerstratege mit scheinbar sehr gutem Fingerspitzen- und Bauchgefühl. Worin liegt Ihr Trainer-Erfolgsrezept?

Herbert Müller: „Es ist entscheidend, dass jeder Trainer einen Plan hat, den er verfolgt, an den er glaubt und dass er die Mannschaft dazu bringt, genau diese taktischen Sachen, die er sich so vorstellt, absolut zu befolgen und hundertprozentig dahinter zu stehen. Wenn man da glaubwürdig vorne weg marschiert und der Mannschaft das vermitteln kann, dann ist es unglaublich, wie da die Mädels mitgehen, mitlaufen, das umsetzen und alles dran setzen, um eben Erfolg zu haben. Natürlich braucht man das nötige Bauchgefühl, das ist vielleicht etwas, was sogar mein Bruder etwas besser hat. Ich bin ein harter Arbeiter, er war schon immer derjenige, der Handball gefühlt hat. Und in bestimmten Momenten braucht man sicherlich auch das nötige Fingerspitzengefühl und auch das Glück. Wenn man unser Halbfinale gegen Leverkusen sieht, wo man dann die Sonja Frey in den letzten drei Minuten plötzlich noch mal einwechselt und sie das alles entscheidende Tor macht, dann weiß man, dass da auch bestimmte Dinge dazu gehören, die vielleicht auch mit den Jahren, mit der Erfahrung aber auch mit der Liebe zu diesem Sport kommen. Weil, eines setzt das voraus, man muss diesen Sport leben, lieben und trotzdem sich Tag für Tag alles hart erarbeiten.“

Die weitere Entwicklung der deutschen Nationalspielerinnen in Ihrem Team liegt Ihnen sicher sehr am Herzen?

Herbert Müller: „Ich bin in erster Linie sehr, sehr stolz, dass wir inzwischen mit die meisten Nationalspielerinnen in unserer Truppe haben. Und das soll so weiter gehen. Ich habe mir vorgenommen, auch Franziska Mietzner nochmal dorthin zu bringen, wo sie schon vor Jahren mal war. Und auch Jana Krause ist auf einem guten Weg. Sie ist unter uns in Nürnberg zur Nationalspielerin geworden und auch sie soll noch mal ihre Chance sich erarbeiten. Ich denke, da kann es nichts Besseres geben, als beim deutschen Meister zu spielen, auf dem höchsten Niveau zu arbeiten und auch die Champions League international zu spielen. Das sind Voraussetzungen, die auch der Bundestrainer braucht. Die internationale Erfahrung ist speziell bei jungen Spielerinnen ganz, ganz wichtig und wenn man sich diese über die internationalen Auftritte im Club schon holt, dann kann auch der Bundestrainer beruhigt auf solche Spielertypen zurückgreifen. Und eines ist sicher, Charaktere und Typen haben wir in unserer Mannschaft viele und sehr gute.“

International hat der THC seinen größten Vereins-Erfolg mit dem Erreichen des Halbfinals im Cup Winners Cup errungen. Was fehlt Ihrem Team noch zum ganz großen europäischen Erfolg?

Herbert Müller: „Wir haben sicherlich in den letzten drei Jahren national alles erreicht, was man nur erreichen kann. Und wir haben auch international Lücken geschlossen. Während wir im ersten Champions-League-Jahr noch richtig Lehrgeld bezahlt haben, haben wir im zweiten Jahr in einer sehr, sehr schweren Gruppe Ausrufezeichen gesetzt. Sechs Punkte erreicht, ganz große Mannschaften auch geschlagen und gezeigt, dass wir mithalten können. Ich glaube, die deutschen Mannschaften sind im Cup der Cupsieger oder EHF-Cup besser aufgehoben, weil man in der Champions League sicherlich nicht die Chance hat, etwas zu gewinnen. Man hat die Chance, und das muss ein Ziel sein, vielleicht unter die letzten Acht zu kommen. Aber wir sind schon so weit, genauso wie andere Mannschaften in Deutschland, um auch einen Cup Winners Cup oder EHF-Cup gewinnen zu können. Es hat eigentlich in diesem Jahr gar nichts gefehlt. Vielleicht ein paar schlechte Minuten in dem Heimspiel gegen Hypo, wo wir nur ein Unentschieden erreicht haben und das war für mich absolut das vorweg genommene Finale. Das hat das Finalergebnis dann gezeigt, als Hypo gegen Paris sehr klar beide Spiele dominiert und gewonnen hat und bei uns hat es eigentlich im Endeffekt nur an zwei Toren gefehlt. Hätten wir Hypo geschafft, wäre vielleicht noch ein Cup der Cupsieger dazu gekommen. Aber hätte wenn und Aber zählen nicht. Wir müssen weiter an uns arbeiten, Erfahrungen sammeln, auch das ist international wichtig, um den Weg dann bis zum Ende gehen zu können. Was wir in Deutschland schon geschafft haben, hat uns international noch gefehlt. Und da fehlt uns vielleicht noch der ein oder andere kleine Schritt, den wir uns hoffentlich in den nächsten Jahren nehmen können.“

Werden Sie für mögliche, noch größere Erfolge künftig das Training konzeptionell oder von der Intensität her etwas umstellen?

Herbert Müller: „Von der Intensität her sind wir sicherlich gerade im letzten Jahr an die Belastungsgrenze gegangen. Unser Kader war nicht besonders groß. Wir hatten über Monate hinweg nicht mal die Möglichkeit, auch nur im Entferntesten sechs gegen sechs zu trainieren. Die englischen Wochen haben doch sehr geschlaucht. D.h., es hat sich eigentlich heraus gestellt, dass unsere Vorbereitungsphase ganz, ganz enorm wichtig war und wir da auch vieles richtig gemacht haben. Was auch dann die Tests gezeigt haben, die wir ja in der Leistungsdiagnostik regelmäßig durchführen. Von daher glaube ich, dass wir bestimmte Dinge noch mal spezialisieren müssen, genau heraus arbeiten müssen, sowohl in der physischen als auch taktischen, als auch mentalen Komponente. Dinge ganz, ganz einfach noch mal auf die Spitze treiben müssen, aber von der Intensität her waren wir sicher schon an der Grenze, wo wir nicht groß zulegen können. Das geht gar nicht, weil wir in der nächsten Saison noch viel mehr englische Wochen haben werden und wir müssen da sehr gut aufpassen. Auch hier das nötige Fingerspitzengefühl haben zwischen regenerativ und dem Willen, noch mehr zu machen. Da muss man den Spagat finden, um die Mannschaft nicht nur richtig einzustellen, sondern auch von allen Bereichen richtig darauf vorzubereiten. Ich denke, wir wissen da, was wir zu tun haben.“

Um ganz vorn in Europa mitspielen zu können, wäre es für jeden Trainer wünschenswert, alle Positionen doppelt gut bis sehr gut besetzt zu haben. Mit zwei deutschen (Mietzner und Krause) und einer holländischen (Smeets) Nationalspielerin stehen drei Neuverpflichtungen fest. Wer kommt noch zu Ihnen und was wird sich am Spielsystem möglicherweise ändern?

Herbert Müller: „Das Ziel muss es sicherlich sein, eine relativ ausgeglichene Mannschaft zu haben, die man auch in der Breite versucht, so gut wie möglich aufzustellen. Mein Traum wäre selbstverständlich, auf allen Positionen zwei gleich gute Spielerinnen zu haben – doppelte Besetzung – um auch ohne einen Leistungsverlust zu haben, locker durchwechseln zu können. Das wird sicherlich so ein bisschen ein Traum bleiben, da allein schon die finanziellen Mittel dazu nie im Leben reichen würden. Aber, die Schlüsselpositionen sind so entscheidend. Und ich denke, dass speziell Spielerinnen wie eine Kerstin Wohlbold, eine Nadja Nadgornaja wie auch eine Maike März ganz, ganz intensiv belastet worden sind, an der Belastungsgrenze waren und da war es mir wichtig, speziell auf diesen Positionen nach zu legen. Darum mit Jana Krause ein adäquater Partner für Maike März, mit Franziska Mietzner ein adäquater Partner für Nadja Nadgornaja und, das ist jetzt die dritte Neuverpflichtung, mit Iveta Luzumova, einer tschechischen Nationalspielerin, die sehr erfolgreich in Frankreich gespielt hat diese Saison, eine Entlastung für Kerstin Wohlbold zu finden. Damit habe ich aber auch die Möglichkeit, bestimmte Spielertypen vielleicht mal auf andere Positionen zu schieben und rein taktisch auch mal zwei große nebeneinander zu stellen. Kerstin vielleicht mal auf die rechte Seite schieben, einfach noch mal Dinge aus zu loten und zu probieren, die uns weiter bringen könnten und da bin ich jetzt schon sehr gespannt auf die Vorbereitungsphase.“

Welche Saisonziele hat der Verein national wie international für die neue Spielzeit 2013/2014?

Herbert Müller: „Die Saisonziele werden sich nicht ändern, wenn man in den letzten drei Jahren fünf Titel geholt hat. Dann braucht man ja nicht zu erzählen, irgendwo um den fünften Platz mitspielen zu wollen. Das wäre ja lächerlich und uns würde keiner für voll nehmen. D.h., ich denke, wir haben uns die Spitzenposition hart erarbeitet und wir wollen sie bewahren. Unser Ziel muss es sein, Titel zu verteidigen, wobei ich eins ganz klar stellen muss: Genauso wie im letzten Jahr, wir haben keine Titelpflicht! Titelpflicht haben die Mannschaften, die jetzt schon seit Jahren leer ausgegangen sind und mit ganz anderen Zielen vielleicht angetreten sind als wir selber. D.h., wir wollen, müssen aber nicht und das ist ein sehr guter, ein sehr großer und entscheidender Unterschied. Wir werden alles daran setzen, um eine optimale Ausbeute auch in Richtung Titel zu haben, aber wir wollen das locker, mit Spaß, mit Emotion aber auch mit dem Wissen, es niemanden beweisen zu müssen, weil wir es schon allen gezeigt haben, angehen.“

Herr Müller, Sie sind in Deutschland der erfolgreichste Trainer des letzten Jahrzehnts. Können Sie angesichts der vielen Erfolge nicht etwas gelassener gegenüber früheren Entgleisungen Leipziger Fans (z.B. bei Ihrem ersten THC-Auftritt als Trainer) reagieren?

Herbert Müller: „Ich glaube, es ist ganz, ganz wichtig, dass man auf sich selber schaut. Und wenn man dann sieht, wie andere Menschen dir manchmal gegenüber treten, dann prägt sich doch vieles ein. Und, ja ich denke, ich habe ein Gedächtnis wie ein Elefant. Und bestimmte Dinge muss man auch mal klar auf den Punkt bringen und sie sagen. Es ist wichtig, dass man manchmal auch bestimmten Leuten vor Augen hält, wie sie eigentlich waren oder sind und dass sie Dinge falsch gemacht haben. Auch vielleicht in dem Bestreben, dass wir selber aber auch die Leute selber sich weiter entwickeln können und die Dinge vielleicht anders und besser machen. Mich hat es im ersten Jahr sehr getroffen, weil ich es nicht verstehen konnte. Hat mich auch sehr verletzt und wir wollten es über unseren Erfolg ja eigentlich zurückzahlen. Aber irgendwann muss man auch mal bestimmte Dinge klar und deutlich ansprechen, weil sonst die Leute ja gar nicht realisieren, was man eigentlich fühlt, denkt und haben will. Man will ein sportliches Miteinander, manchmal in den sechzig Minuten auch gegeneinander, aber ein faires Bestreben, den deutschen Damen-Handball nach vorne zu bringen. Die Mädels weiter zu entwickeln und wenn man dann auf eine Schiene kommt, wo man sich gegenseitig hoch puscht, durchaus mit Rivalität verbunden aber sportlich nach vorne puscht, dann ist das eine Rivalität, die ich nur lobend erwähnen kann. Aber alle anderen Dinge, die da gekommen sind im ersten Jahr, und das war ganz extrem, die werde ich nie vergessen und werde ich teilweise auch nie verzeihen.“

Neben Ihren großen sportlichen Erfolgen und Zukunftsplänen – welche persönlichen Wünsche möchten Sie sich in den nächsten Jahren erfüllen?

Herbert Müller: „Es ist sicherlich so, dass man sich sehr auf den Sport konzentriert. Fast es manchmal sogar übertreibt, wenn man so sehr damit verbunden ist und sich da auch hinein steigert. Wenn man den maximalen Erfolg haben will, bleiben oft andere Dinge brach liegen. Man vernachlässigt Dinge und vor allem auch Menschen, die einem sehr wichtig sind und das sollte sich in den nächsten Jahren ändern. Ich habe festgestellt auch im zunehmenden Alter, keine Kraft ist unerschöpflich, wie ich das früher immer gedacht habe. Man muss auf sich selber aufpassen. Man muss sich die nötigen Zeiten auch mal nehmen, um abzuschalten und ganz was anderes zu machen. Und ich will unbedingt diese Zeiten mit den Menschen nutzen, die mir sehr am Herzen sind, die ich liebe, die mir viel bedeuten und da hoffe ich, dass ich vieles besser mache, was ich in den letzten Jahren vielleicht schlecht gemacht habe.“

Vielen Dank für das Interview, Herr Müller. SPORT4Final wünscht Ihnen persönlich und sportlich mit Ihrer Mannschaft weiterhin alles Gute sowie Gesundheit und viel Erfolg.

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