HC Leipzig: Leistungsvermögen zu spät ausgeschöpft und EC-Halbfinale verpasst

Handball der Spitzenklasse hat nicht nur mit Toren sondern immer auch mit Mathematik und sogar Psychologie zu tun. Über beide Viertelfinalspiele im Cup Winners Cup betrachtet, bedeutet dies: Leipzig verlor die ersten drei Halbzeiten jeweils mit 2 Toren und gewann die letzte Halbzeit mit 4 Toren. Und der psychologische Spiel-„Film“ hieß nach einem Leipziger 6:1-Lauf beim 19:17 in der 51. Minute „Vorteil und Tendenz Leipzig“. Die erste 2-Tore-Führung der Gastgeber, nur beim 1:0 in der 1. Minute war der Gastgeber in Führung, hätte in Europapokaldramatik und Hexenkessel-Atmosphäre der 4300 Zuschauer die körperlich starke russische Mannschaft aus Rostov in ernsthafte spiel- und psychologische Halbfinal-Bedrängnis bringen können. 

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Der HC Leipzig wuchs Mitte der 2. Halbzeit kämpferisch nach Abwehrumstellung mit Schulze und einer offensiven 5:1-Deckungsformation über sich hinaus. Sehr schwer in die zweite Hälfte gekommen und erst in der 39. Minute das erste Tor erzielend, erhöhte der Gastgeber nun noch einmal das Tempo sowie Spielrisiko und ging ab dem 13:16 (43.) in das „Alles-oder-Nichts-Spiel“ über. Der russische Trainer Belitsky erkannte schon beim 16:16 (47.) die Gefahr der „Europapokalpsychologie“ und nahm folgerichtig eine Auszeit. Da aber nach der Leipziger 2-Tore-Führung der Ausgleich Rostovs viel zu schnell innerhalb von zwei Minuten fiel und noch die russische 20:21-Führung in der 56. Minute folgte, gab Leipzig den psychologischen Vorteil in den letzten 10 Minuten etwas leichtfertig aus der Hand. Aber es war schon bewundernswert, auf welcher spieltaktischen Klaviatur Cheftrainer Madsen spielte. Nicht nur die offensive 5:1-Deckung mit Kudlacz auf der Spitze (einige gewonnene Steels) sondern auch der viermalige Versuch mit einer siebenten Feldspielerin (Hubinger für Schülke) und Übergang zu zwei mittleren Kreisspielerinnen (Müller und Schulze) war neben den Tempogegenstößen bemerkenswert und erfolgreich. Denn in den letzten 10 Minuten holte mehrfach die körperlich den Russen ebenbürtige Schulze Siebenmeter (insgesamt sechs Strafwürfe zwischen der 50. und 60.Minute) heraus. Dieses breit angelegte, variable Angriffsspiel über den Kreis schmeckte den Gästen nicht. Aber auch die beiden vergebenen Siebenmeter in der Schlussminute durch Kudlacz und Visser hätten nicht fürs Halbfinale gereicht, weil angesichts der 22 russischen Auswärts-Tore der HC Leipzig mindestens 5 Tore Vorsprung benötigt hätte.

Rostov war keine unbezwingbare Übermannschaft. Sie wirkte etwas gefälliger und stabiler im Spielaufbau und leistete sich im Gegensatz zu Leipzig wesentlich weniger Fehler. Bis zur 40. Minute erkannte der Betrachter 11 Abspielfehler, mehrere ungenaue Würfe und Auslösehandlungen (Hüftwürfe als Auswahl richtig!) sowie weitere zwei Offensivfouls im Überzahlspiel! Auch die Wurfgefährlichkeit im Rückraum (Lang 1 und Hubinger 0 Tore) aus dem gebundenen Spiel war an diesem Tag trotz der Nachteile in der Körperhöhe nicht gegeben. Diese gravierenden Unterschiede im Angriffsspiel zwischen beiden Teams konnte auch die wiederum gute Abwehrarbeit mit der sehr starken Schülke im Tor nicht kompensieren. Nur jeweils 22 Gegentore sind außerordentlich gut bei der Klasse des russischen Gegners. Auch das Torhüterinnen-Duell gewann in der zweiten Halbzeit zusehends Schülke mit 17 Paraden gegenüber der montenegrinischen Europameisterin Barjaktarovic mit 12 gehaltenen Bällen. Bis Mitte der ersten Halbzeit beim Stand von 5:8 (18.) und der Leipziger Auszeit wirkte die Abwehrorganisation nicht stabil. Die zwei Tore Rückstand zur Pause (10:12) waren unnötig und hätten durch eine bessere Wurfeffizienz sowie den von Kudlacz in der 25. Minute vergebenen Siebenmeter verhindert werden können. Ähnliches gilt für die torlosen, fast neun Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit auf Leipziger Seite!

Um es noch einmal deutlich aus Betrachter-Sicht festzuhalten: Rostov war spielsicherer und zog, angesichts geringerer Leistungsschwankungen im Team, verdient ins Halbfinale des Cup Winners Cup ein. Der HC Leipzig überzeugte kämpferisch und im „Alles-oder-Nichts-Spiel“ der letzten Viertelstunde. Im Abwehrverbund trotz der Größennachteile für mich mit leichten Vorteilen, gab aber letztendlich die für europäische Verhältnisse zu geringe Durchschlagskraft im Angriff mit den fehlenden, leichten Toren aus der Fernwurfzone den Ausschlag für das Ausscheiden aus dem Europacup.

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