Handball-WM 2013 Serbien: Heine Jensen im Exklusiv-Interview: „Ich will nicht mit dem ersten Flieger heim.“

15.10.2013 – SPORT4Final:

Handball-WM 2013 Serbien:

SPORT4Final-Redakteur Frank Zepp traf Handball-Bundestrainer Heine Jensen in Leipzig vor dem Champions-League-Knaller des Gastgebers gegen RK Krim Ljubljana und bat den Bundestrainer um ein Wort:

Über die Champions League zur Handball-Weltmeisterschaft 2013 in Serbien.

Bundestrainer Heine Jensen - Foto: DHB/ Sascha Klahn
Bundestrainer Heine Jensen – Foto: DHB/ Sascha Klahn

Sind die Champions-League-Spiele eine gute Vorbereitung der Nationalspielerinnen auf die Weltmeisterschaft im Dezember in Serbien?

„Ja, das hoffe ich sehr. In der Champions League zu spielen, ist schon Länderspielniveau. Deswegen ist es gut, dass die Spielerinnen auf diesem Niveau gefordert werden und immer an ihre Grenzen gehen müssen, um erfolgreich die Spiele zu gestalten.“

Lassen Sie Clara Woltering und Laura Steinbach beobachten oder fahren Sie auch selbst nach Budapest oder Podgorica?

„Nein. Zum Glück kommen alle Spiele im EHFTV. Es ist zwar nicht dasselbe, wenn man in der Halle vor Ort sitzt. Ich hätte natürlich gern die beiden live beobachtet. Aber ich finde es toll, dass wir zwei deutsche Mannschaften haben, die in der Champions League teilnehmen und der Spielplan passt auch vernünftig zusammen.“

Wie schätzen Sie die Chancen vom Thüringer HC und HC Leipzig für das Erreichen der Hauptrunde ein?

„Ich denke, es sieht vernünftig für beide Mannschaften aus. Was mich freut für beide Vereine und den deutschen Frauen-Handball insgesamt: Sie haben beide gut angefangen und es sieht so aus, dass beide gute Chancen haben, einen Schritt weiter  gehen zu können. Das wird schwierig und soll auch schwierig sein, unter die letzten Acht zu kommen. Beide haben gute Chancen. Aber man muss auch wissen, dass ein Tag, wo du nicht so hundertprozentig da bist, kannst du auch ganz schnell verlieren. Das fördert immer hundertprozentige Konzentration. Die beiden ersten Spiele gegen Baia Mare und Metz sahen richtig gut aus und ich hoffe natürlich, dass dieses Wochenende auch richtig gut aussehen wird.“

Ist Győr schlagbar?

„Győr sieht in diesem Jahr unheimlich stark aus und da muss man sagen, diejenigen, die Győr schlagen können, haben definitiv in der Gruppe Bonuspunkte.“

In der nächsten Woche macht die Champions League eine kurze Pause für die EM-Qualifikationsspiele gegen Russland. Sind diese Qualispiele „nur“ eine Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft oder schon ein richtiger Test davor?

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„Wenn man gegen Russland spielt, kann man nicht von einem Test sprechen. Das ist eine Mannschaft, die sich nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert hat. Das Ausscheiden gegen Holland war für uns alle eine Überraschung. Und Trefilow ist als Trainer zurück, da werden wir eine Mannschaft sehen, die alles in die Waagschale reinlegen und uns das Leben richtig schwer machen wird. Vom Test zu sprechen ist ein falsches Wort in diesem Zusammenhang. Das werden zwei richtig knallharte Spiele und ich freue mich immer, wenn wir gegen sehr gute Mannschaften spielen können. Wir wollen natürlich 2014 bei der EM dabei sein und da brauchen wir natürlich Punkte, um dorthin zu kommen. Ich hoffe, dass wir gegen die Russen Punkte sammeln können und dass es nicht dazu kommen wird, dass wir im Juni nächsten Jahres beide Spiele gegen Mazedonien gewinnen müssen. Deshalb hoffe ich sehr, dass wir den Russen den Druck mitgeben können, dass diese im März beide Spiele gegen Mazedonien gewinnen müssen. Die Russen sind immer stark und die EM 2014 ist für uns ein wichtiger Schritt auf dem Weg nach Rio 2016 und die Heim-WM 2017.“

Unsere Mannschaft wird sich gegenüber der letztjährigen EM bei der WM in Serbien personell aus den verschiedensten Gründen verändern. Wie stark ist die Nationalmannschaft bei der WM im Dezember?

„Für Isabell Klein und Katja Schülke sind das natürlich glückliche Umstände. Da gibt es nichts schöneres, als Eltern zu werden. Bei Nadja Nadgornaja und Kim Naidzinavicius sind das Spielerinnen, die uns wehtun, weil beide Spielerinnen ihre Stärken in beiden Richtungen haben, offensiv wie defensiv. Das wird uns ein paar Herausforderungen im Spiel gegen die Russen geben. Zum Glück sieht es so aus, dass die WM-Teilnahme von beiden nicht gefährdet ist. Ich bin mit den 16 nominierten Spielerinnen sehr zufrieden und ich denke, dass wir auch in Trier eine gute Mannschaft aufs Parkett bringen und eventuelle Löcher in der Deckung werden stopfen können.

Stichwort Deckung: Wer international erfolgreich spielen will, benötigt zwei Abwehrsysteme. Beherrscht die Nationalmannschaft zwei Deckungsvarianten?

„Ich weiß nicht, ob wir das zu hundert Prozent beherrschen. Ich finde, dass wir letztes Jahr auch eine sehr gute 6:0-Deckung gezeigt haben. Wo das schwierig ist, gegen uns Tore zu machen. Was natürlich auch mit der Qualität unserer Torhüterinnen zusammen hängt. Aber Torhüterinnen sind nichts ohne Abwehr und umgekehrt. Wir arbeiten aber auch im Trainingsprozess viel mit einer 5:1-Abwehr, die wir auch prozessmäßig gern einführen wollen. Ob wir das bis zur WM schaffen, das ist eine gute Frage. Wir haben das auf jeden Fall trainiert und werden das auch weiterhin trainieren. Klar haben wir die Möglichkeit, um da Umstellungen zu machen. Aber zu sagen, zu beherrschen, da will ich lieber sagen, wir arbeiten dran und ich habe kein Problem, wenn wir uns umstellen müssen. Irgendwann müssen wir auch damit im Wettkampf anfangen. Denn manchmal muss man auch ins kalte Wasser springen.“

Wer wird neben Clara Woltering die zweite Torhüterin sein, die sich mit beiden Abwehrvarianten auseinander setzen darf?

„Also im Moment arbeiten wir mit Jana Krause. Jana war auch mit in den WM-Qualis und wird auch jetzt in der EM-Qualifikation gegen die Russen mitgenommen. Bei Jana ist auch interessant, dass sie das dritte Jahr wieder Champions League spielt. Das gibt ihr natürlich auch eine gewisse Erfahrung mit auf den Weg. Aber klar, da gibt es mehrere Spielerinnen, die interessant sind. Da haben wir junge und erfahrene Leute, wie bspw. Antje Lenz aus Buxtehude und Maike März oder Ann-Cathrin Giegerich aus Bietigheim, die schon lange beim DHB im Juniorenbereich mitgemacht hat. Und Katja Schülke wird hoffentlich auch wieder mit Handball anfangen. Ich finde, auf dieser Position sieht das ganz vernünftig aus. Aber in einer Nationalmannschaft gibt es auch keine Plätze, die sicher sind.“

Wichtig ist auch, dass die mittlere Spielachse zwischen Torhüterin, Spielmacherin und mittlere Kreisspielerin funktioniert. Auf Kreismitte sind mit Althaus (beste Abwehrspielerin bei der EM 2012) und Müller zwei bewährte Spielerinnen. Über die Torhüterposition sprachen wir schon. Wie sieht es auf der Spielmacherposition aus?

„Das ist klar. Kerstin Wohlbold hat für den Thüringer HC einen sehr guten Job gemacht und auch für uns in der Nationalmannschaft in den letzten Jahren. Da haben wir definitiv positive Entwicklungen in unserem Spiel gesehen. Gleichzeitig möchte ich auch sagen, wir arbeiten mit einer Kim Naidzinavicius, die sich leider nach einer sehr starken Vorbereitung ihre Mittelhand gebrochen hat. Kim hat auch im März beim Testturnier in Rumänien gut gespielt. Wo sie fast das ganze Spiel gegen Rumänien A gespielt hat. Auch um Kim die Erfahrung zu geben. Kim ist definitiv eine Spielerin für die Zukunft. Ich finde, dass wir da auf dem richtigen Weg sind. Und wir haben noch viele andere interessante Leute auf dieser Position. Bspw. mit Anna Loerper, die viel Erfahrung hat. Du hast in Metzingen eine Halblinke mit Shenia Minevskaja, die das sehr gut macht und auch sehr interessant auf dieser Position sein könnte. Kerstin ist die, die unser Spiel mit höchstem Tempo nach vorne treibt. Kerstin lebt von ihrer Dynamik und ihrem Tempo. Sie hat sich in der Nationalmannschaft toll entwickelt, wenn man bedenkt, wie wenige Länderspiele sie eigentlich hat, um auf einer solchen Position zu spielen. So wie das aussieht, bin ich momentan sehr zufrieden. Man darf auch nicht vergessen, 2016 ist für den deutschen Handball ein wichtiger Schritt, weil wir da am besten mit beiden deutschen Mannschaften vertreten sein müssen. Daran arbeiten wir und Kim Naidzinavicius ist da Mitte 20 und da wird es langsam immer mehr interessant, aber immer unter dem Aspekt, dass sich alle entwickeln.“

In Ihrer Vorrundengruppe bei der Weltmeisterschaft sind mit Ungarn, Rumänien und der Tschechischen Republik interessante Gegner. Beobachten Sie diese Gegner vor der WM, zumal ja die Auslosung für Deutschland gute Chancen bereit hält?

„Das weiß man nie, denn Auslosungen kann man ja nicht beeinflussen. Wer hätte schon gedacht, dass wir bei der letzten WM in Brasilien nach der Vorrunde rausfliegen. Jedes Spiel lebt sein eigenes Leben. Jedes Spiel muss gespielt werden. Die Tschechen sind ein unangenehmer Gegner. Es sieht nicht so spektakulär aus, aber was sie machen ist sehr effektiv. Das wird ein hartes Stück Arbeit, gegen die zu gewinnen. Die Ungarn haben wir schon traditionell. Seit ich Bundestrainer bin, spielen wir mindestens einmal im Jahr gegen die Ungarn. Die kennen wir ganz gut. Die Ungarn werden jetzt spannend zu beobachten sein, wie die sich jetzt nach der Erkrankung des Trainers neu aufstellen. So wird für uns ein wenig Unbekanntes dabei sein. Mit den Rumänen haben wir einen sehr guten Kontakt, in der EM-Vorbereitung letztes Jahr und im März waren wir da. Und ich habe die Kontakte mit meinen Nationaltrainerkollegen, von denen ich Videos bekomme. Wir helfen einander sehr kollegial. Man kommt immer daran.“  

Ab 21. November geht es in die intensive WM-Vorbereitung. Ist von Ihnen schon alles inhaltlich und zeitlich geplant?

„Ich weiß auf jeden Fall, was ich gern machen will. Ich versuche dies nicht allzu detailliert zu planen, gerade auch manchmal wegen der Verletzungen. Aber ich habe natürlich einen Grobplan, was ich gern will. Und wir wissen auch, dass wir zwei Spiele gegen Schweden am 30. November und 1. Dezember haben. Das ist das, was wir wissen und dann werden wir die Zeit gut nutzen. Man darf auch nicht vergessen, wir werden wahrscheinlich erst ein oder zwei Tage später anfangen, weil viele Spielerinnen des Thüringer HC und HC Leipzig dabei sind, die viele Spiele bis dahin hatten. Natürlich ist aber sehr gut, dass diese Spielerinnen in der Champions League unterwegs sind und das ist positiv für den deutschen Frauenhandball. Ich glaube, die brauchen erst mal ein oder zwei Tage, um den Kopf frei zu kriegen und sich dann auf die WM einzustellen. So dass wir dann wieder mit vollgeladenen Akkus kommen können. Und dann sind wir bereit.“

Bei der Aufwärtstendenz im Frauenhandball seit der letzten Europameisterschaft ist eine gewisse Erwartungshaltung vorhanden. Wie sehen für die Weltmeisterschaft die Zielstellung des Verbandes und Ihre eigene Vorstellung aus?

„Das ist klar. Wir müssen aber auch ehrlich dazu sagen, dass wir hätten nach der Vorrunde auch herausfliegen können. Wenn die glänzende Parade von Katja Schülke gegen die Kroaten am Ende nicht gewesen wäre. Aber wir haben dann in der Hauptrunde eine sehr gute Runde gespielt. Und darauf wollen wir weiter aufbauen und die Erwartungshaltung steigern. Ich sage immer, dass ganz oft das Glück kommt, was man sich erarbeitet hat. Wir hoffen, dass wir das weiter fortsetzen können. Wir haben auf jeden Fall sehr viel Lust, das weiter so zu machen. Die Zielstellung für mich selber ist: Ich will nicht mit dem ersten Flieger heim wie das in Brasilien der Fall war. Ich will weiter in den K.O.-Runden bleiben und dann werden wir sehen, welcher Gegner kommt. K.O. ist immer schwer.“

Ist das Viertelfinale ein realistisches Ziel?

„Wir haben gezeigt, dass wir gegen jeden gewinnen können, aber wir haben leider auch gezeigt, dass wir gegen jeden verlieren können. Ich denke, wenn wir in den richtigen Rhythmus reinkommen, wenn wir unsere Füße finden und wir weiter auf das bauen können, was wir die letzten 1,5 Jahre bis jetzt gemacht haben, dann denke ich schon, dass wir eine Chance haben. Aber wie gesagt: Du kannst auch mit dem falschen Bein aufstehen und dann bist du auf einem Mal Vierter in deiner Gruppe und dann stehen Norwegen oder Montenegro da. Unabhängig wie alles kommt, denke ich, dass K.O. spannend und eine gute Erfahrung ist, um sich weiter zu entwickeln. Weil du dann alles reinwerfen musst, was du hast und nicht zu viel daran denkst, was vorher war und danach kommt. Dann musst du einfach ein Spiel gewinnen. Aber lasst uns erst mal in die K.O.-Runden kommen und dann gibt es viele Mannschaften, die uns nicht als Wunschgegner haben. Und das ist erst mal positiv.“

Wenn ich zusammenfassen darf: Achtelfinale ist Pflicht – Viertelfinale die Kür?

„Für mich persönlich sehe ich das als Pflicht, obwohl ich sage, im Sport gibt es nichts, was Pflicht ist. Weil Pflicht in meiner Welt etwas anderes ist.“

Aber realistisch?

„Das ist realistisch und auch mein Wunsch. Aber ich weiß auch, dass wir zwei Spiele gegen die genannten Teams und Tunesien gewinnen können. Gegen Australien ist es am nächsten eine Pflicht bei der WM, da müssen wir gewinnen.“   

Vielen Dank, Herr Jensen, für das interessante und ausführliche Interview. Alles Gute und viel Erfolg in der weiteren Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft.

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