Rollstuhltennisspielerin Sabine Ellerbrock: „Abends habe ich in Roland Garros Klausuren korrigiert.“

24.09.2013 – PM:

Sabine Ellerbrock holte 2013 in Roland Garros den ersten Grand Slam Titel einer deutschen Spielerin im Rollstuhltennis und schaffte kurz darauf den Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Im Interview verrät die 37 Jahre alte Lehrerin aus Bielefeld, wie sie sich zu Höchstleistungen motiviert, was ihr nächstes großes Ziel ist und warum ihr Sport dringend „Türöffner“ braucht.

Sabine Ellerbrock: "Abends habe ich in Roland Garros Klausuren korrigiert" -   Foto: DTB (http://www.dtb-tennis.de/)
Sabine Ellerbrock: „Abends habe ich in Roland Garros Klausuren korrigiert“ –
Foto: DTB (http://www.dtb-tennis.de/)

Sie haben bislang ein fantastisches Jahr erlebt und viele große Erfolge gefeiert. Was war ihr persönliches Highlight?

Ellerbrock: Definitiv Roland Garros! Ich hatte mit dem Titelgewinn überhaupt nicht gerechnet, denn nach einer Operation im Januar konnte ich bis April gar nicht spielen. Außerdem habe ich die Schule gewechselt und war zusätzlich mit der Vorbereitung auf die Verbeamtungsprüfung beschäftigt. In Paris habe ich dann abends noch Klausuren korrigiert. Aber das ist vielleicht des Rätsels Lösung: Ich habe mir keinen Druck gemacht und war dann natürlich sehr glücklich, als es mit dem Titel geklappt hat.

Wie motiviert man sich denn überhaupt noch, wenn man schon so viel erreicht hat?

Ellerbrock: Ich bin noch nicht so weit, dass ich mich selbst als Nummer eins in der Welt sehe. Auch wenn ich jetzt neun Wochen lang dort gestanden habe, gibt es noch Möglichkeiten zur Verbesserung. Die letzten vier Jahre waren noch nicht ausreichend, um den Stuhl oder auch mein Fahren zu perfektionieren. Ich habe mir die Paralympics 2016 als Fernziel gesetzt und bis dahin will ich mein Potenzial technisch, taktisch und auch vom Fahrerischen her voll ausschöpfen. Meine Rahmenbedingungen sind durch meine Berufstätigkeit leider ungünstiger als bei den anderen Spielerinnen und daher ist es momentan nicht möglich, dass ich mich ein bis zwei Jahre finanziell abgesichert nur auf den Sport konzentriere. Trotzdem versuche ich, mein Umfeld – so gut es geht – weiter zu professionalisieren.

Ihr nächstes großes Ziel ist also eine Medaille bei den Paralympics in Rio?

Ellerbrock: Ja, darauf arbeite ich hin. Ich möchte gerne in drei Jahren die Medaille holen, die ich in London knapp verpasst habe. Natürlich ist auch ein gutes Abschneiden bei den Grand Slams wichtig, denn bei diesen Turnieren haben wir eine viel größere Plattform als bei den kleineren Veranstaltungen. Am Jahresende die Nummer eins im Ranking zu sein ist ein weiteres Ziel, da man sich dann offiziell „World Champion“ nennen darf. Man hat also relativ wenig davon, mitten in der Saison einmal kurz oben gestanden zu haben.

Sie haben gerade erwähnt, dass Sie bei großen Turnieren eine bessere Plattform bekommen. Hat sich das mediale Interesse durch Ihre Erfolge nicht schon längst geändert?

Ellerbrock: Das ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Die Paralympics haben mit Sicherheit einen Hype ausgelöst. Direkt danach hatte ich pro Tag 150 E-Mails, viele Zuschriften, viele Autogrammanfragen. Das war ungewohnt, weil ich bis dahin überhaupt keine professionellen Autogrammkarten hatte. Aber es ist natürlich schön, wenn sich die Menschen für das Rollstuhltennis interessieren. Woran sich sehr wenig geändert hat, ist das wenig vorhandene Sponsoreninteresse. Das hat sicherlich auch mit der geringen medialen Präsenz zu tun, vor allem im Fernsehen spielt Rollstuhltennis fast gar keine Rolle. Regional und international wird mehr berichtet. Trotzdem glaube ich, dass da noch viel Luft nach oben ist.

Beim Davis Cup haben Sie im Rahmenprogramm Ihren Sport vorgeführt. Sie spielen ja auch selbst im World Team Cup für Deutschland. Was bedeutet es Ihnen, für Ihr Land aufzuschlagen?

Ellerbrock: Das ist etwas sehr Besonderes! Man spielt für Deutschland und nicht nur für sich selbst. Allerdings hat man an den Weltmeisterschaften in diesem Jahr gesehen, mit welchen Schwierigkeiten wir Rollstuhltennisspieler oft zu kämpfen haben. Das Spiel um Platz drei habe ich verpasst, weil ich in die Schule musste. Eine solche Problematik kennen Nicht-Behindertensportler vermutlich kaum. Meine Schule tut alles ihr Mögliche, aber es sind eben Grenzen gesetzt. Durch diese Hindernisse gingen die letzten Monate sehr an die Substanz.

Da muss der Sport Ihnen ja sehr viel geben, um so etwas durchzuhalten.

Ellerbrock: Für mich war Rollstuhltennis etwas, das mich aus einer Krisensituation herausgeholt hat. Man lernt daneben viele interessante Menschen kennen und knüpft Kontakte. Ich liebe den Tennissport, das Rollstuhltennis entwickelt sich immer weiter, es gibt immer etwas zu verbessern. Das macht den besonderen Reiz aus. Außerdem wächst auch die Professionalität, wir werden immer mehr in die größeren Turniere integriert, so dass wir uns eher refinanzieren können. Vom Geld verdienen sind wir zwar noch weit entfernt, aber vielleicht ist es in naher Zukunft einmal möglich, bei plus minus null herauszukommen.

Wie versuchen Sie, andere Menschen mit Behinderung für Ihren Sport zu begeistern?

Ellerbrock: Im Moment verteilt sich diese Aufgabe auf noch zu wenigen Schultern – es gibt einige Anlaufstellen und einige engagierte Leute – aber im Verhältnis noch viel zu wenige. Bundestrainer Christoph Müller investiert beispielsweise viel Zeit darin, das Rollstuhltennis mit Aktionen, Projekten usw. voranzutreiben. Ich versuche das auch, soweit ich es zeitlich schaffe. In meinen Augen reicht das aber nicht. Was wir eigentlich bräuchten, sind „Türöffner“. Ein Beispiel ist Spanien, wo Tommy Robredo regelmäßig und öffentlichkeitswirksam ein eigenes Rollstuhltennisturnier und weitere Events veranstaltet. So etwas bräuchten wir auch, da Behindertensport – jedenfalls das Rollstuhltennis – hier einfach noch keine Lobby hat. Ich glaube: Je mehr Leute sich begeistern, desto mehr Präsenz gibt es auch in den Medien – und irgendwann wird der Sport dann auch für Sponsoren interessanter. Ein größerer Bekanntheitsgrad würde es auch leichter machen, Nachwuchs für den Sport zu finden.

Werden Sie denn auch oft von anderen Rollstuhlfahrern angesprochen, die wissen möchten, wie man zum Rollstuhltennis kommt?

Ellerbrock: Das passiert sehr oft. Da gibt es diejenigen, die mich anschreiben, weil sie dieselbe Behinderung haben, aber auch Menschen, die aus anderen Gründen (z.B. durch Krankheit oder Unfall) an den Rollstuhl gebunden sind. Daneben gibt es z.B. aber auch ältere Leute, die ihr Leben lang Tennis gespielt haben und jetzt aufgrund von Knochen-und Gelenkbeschwerden nicht mehr spielen können, die sich an mich wenden. Ich versuche dann, Try-out-Tage einzurichten. Dort können diese Menschen Rollstuhltennis ausprobieren, auf diese Weise hat sich bereits eine Kindergruppe etabliert.

Beim Davis Cup gegen Brasilien hat sich „Fußgänger“-Tennisprofi Andre Begemann zum ersten Mal im Rollstuhltennis versucht. Wie hat er sich geschlagen?

Ellerbrock: Man sah natürlich sofort, dass er Tennis spielen kann. Das Schwierige bei der Sportart ist jedoch die Koordination der drei Sportgeräte (Ball, Schläger, Rollstuhl), insbesondere die Anpassung mit dem Rollstuhl an den Ball und die kann man nicht innerhalb von zwei Minuten lernen. Man sieht meistens so lange gut aus, wie der Ball direkt auf den Schläger kommt. Sobald man einen Meter fahren muss, wird es schwierig. Ich finde es toll, dass Andre mitgemacht hat, weil es für die Zuschauer schwierig ist, unsere Leistung ins Verhältnis zu setzen. Bei ihm weiß man, dass er Tennis spielen kann. Das hilft dann auch, eine gewisse Wertschätzung zu erzeugen und unsere Leistung auf dem Platz einzuschätzen.

DAVIS CUP

Deutsches Davis Cup Team spielt zu Hause gegen Spanien

Das deutsche Davis Cup Team beginnt die Saison 2014 mit einem Heimspiel gegen Spanien. Das hat die Auslosung der Weltgruppe am Mittwoch in London ergeben. Die Partie wird vom 31. Januar bis zum 2. Februar ausgetragen. Die Spielstätte sowie der Belag stehen noch nicht fest.

„Wir wollten ein großes Spiel gegen einen starken Gegner und das haben wir jetzt bekommen. Die Spanier sind mit aktuell 14 Spielern in den Top 100 unheimlich breit aufgestellt. Mit Rafael Nadal haben sie zudem den Superstar im Herrentennis in ihren Reihen. Ich freue mich sehr auf diese Herausforderung“, kommentierte Teamchef Carsten Arriens das Los.

Bereits 15 Mal gab es in der Davis Cup Geschichte das Aufeinandertreffen der beiden Tennisnationen Deutschland und Spanien. Neun deutschen Siegen stehen sechs Niederlagen gegenüber. Die letzte Begegnung fand vor vier Jahren in Marbella statt: Im Juli 2009 hatte sich die deutsche Mannschaft in einer spannenden Partie knapp mit 2:3 geschlagen geben müssen. Im aktuellen Davis Cup Nationenranking belegt Deutschland Platz elf, Spanien ist auf Position drei zu finden.

Erst Mitte September hatten Philipp Kohlschreiber, Florian Mayer, Daniel Brands und Martin Emmrich in der ratiopharm arena in Ulm/Neu-Ulm den Klassenerhalt mit einem 4:1 über Brasilien geschafft. Spanien sicherte sich seinen Platz unter den 16 besten Nationen im Herrentennis durch ein glattes 5:0 gegen die Ukraine.

FED CUP

Porsche Team Deutschland reist nach Bratislava

Für das Porsche Team Deutschland geht es am 8. und 9. Februar 2014 in Bratislava um den Einzug in das erste Fed Cup Halbfinale seit 1995. Die slowakischen Gastgeber haben für die Erstrundenpartie der Weltgruppe einen Hartplatz gewählt, Austragungsstätte ist die 4.000 Zuschauer fassende Aegon Arena.

„Das ist für uns keine Überraschung, ich rechne auf jeden Fall mit einem schnellen Belag. Grundsätzlich gilt: Egal wie und wo – wir wollen in das Halbfinale einziehen“, kommentierte Teamchefin Barbara Rittner die Entscheidung.

Zweimal haben sich Deutschland und die Slowakei in der Fed Cup Geschichte bislang gegenübergestanden. Einem deutschen Sieg steht eine Niederlage gegenüber. Das letzte Aufeinandertreffen zwischen den beiden Nationen gab es vor zehn Jahren in Ettenheim. Im April 2003 hatte sich die deutsche Mannschaft mit 2:3 geschlagen geben müssen. Das Porsche Team Deutschland belegt im aktuellen Fed Cup Nationenranking Platz neun, die Slowakei ist auf Position fünf zu finden.

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