Volleyball-EM: „Es ist begeisternd zu erleben, was gerade passiert“

24.09.2013 – PM:

Volleyball-EM: Interview mit DVV-Präsident Thomas Krohne und Liga-Präsident Michael Evers

DVV-Präsident Thomas Krohne und Liga-Präsident Michael Evers hetzen von Termin zu Termin: Frauen-EM in Berlin, Hochzeit von Giovanni Guidetti in Istanbul, Männer-EM in Gdynia/POL. Den Stress nehmen die beiden gerne auf sich, denn aktuell läuft es blendend, die DVV-Teams spielen auf allen „Hochzeiten“ eine hervorragende Rolle. Wie mit den positiven Ergebnissen in Beach und Halle umgegangen werden soll, verraten beide im Interview.

Foto Conny Kurth: Daumen hoch für den deutschen Volleyballsport (v.l.): DVL-Präsident Michael Evers, DVV-Generalsekretär Jörg Ziegler, DVV-Präsident Thomas Krohne und DVS-Geschäftsführer Heiko von Glahn sind höchst zufrieden
Foto Conny Kurth: Daumen hoch für den deutschen Volleyballsport (v.l.): DVL-Präsident Michael Evers, DVV-Generalsekretär Jörg Ziegler, DVV-Präsident Thomas Krohne und DVS-Geschäftsführer Heiko von Glahn sind höchst zufrieden

Hand aufs Herz, Herr Krohne, schweben Sie gerade auf Wolke sieben im Volleyball-Himmel?
Krohne: Auf jeden Fall, es ist begeisternd, zu erleben, was gerade passiert. Die Frauen haben ein breites Publikum fasziniert, die Männer sorgen jetzt für eine Überraschung nach der anderen. Ich habe insgeheim erhofft, dass der Hype der Frauen-EM anhält. Wir erleben zurzeit eine nachhaltige Euphorie rund um den Volleyballsport, das ist wirklich eine außerordentlich positive und tolle Erfahrung.

Wie können Sie jetzt eine Nachhaltigkeit schaffen, damit Volleyball nicht wieder in der Versenkung verschwindet?
Krohne: Indem wir daran arbeiten, dass das Interesse nicht wieder abflacht, weil wir erst nächsten Sommer wieder ein Event für die Nationalteams haben. Im Fußball gibt es die festterminierten Länderspiele zwischendurch, das hätte ich gern auch im Volleyball. Da muss man aber ganz oben beim Weltverband und der CEV anfangen, Interesse zu wecken. Mit hochklassigen Länderspielen können wir das Interesse auch auf die Bundesliga transferieren, um auch dort eine bessere Verzahnung zu erreichen.

Das setzt eine intensivere Öffentlichkeitsarbeit voraus.
Krohne: Proaktive Medienarbeit ist das A und O. Das wird in anderen Sportarten professionell betrieben und muss auch für uns gelten. Vielleicht müssen wir mit eigenen TV-Teams Bewegtbilder produzieren, um sie den Sender anbieten zu können. Eine EM muss auch in die Klubs und deren regionalen Medien transportiert werden. Wenn eine Saskia Hippe im Nationalteam, die jetzt für den Schweriner SC spielt, ein gutes Spiel macht, dann braucht es auch die Personalitystory, mit der wir vor Ort Erwähnung finden.

Evers: Beispielsweise hätte die Hochzeit von unserem Frauen-Bundestrainer Giovanni Guidetti in Istanbul ein Thema werden können. Da waren einige Nationalspielerinnen als Gäste, internationale Volleyball-Prominenz tummelte sich dort. Maggi Kozuch lief dort mit einem Gipsverband herum, sie hatte sich vor dem Finale einen Finger gebrochen und braucht nun eine sechswöchige Pause. Themen gäbe es genug. Das Märchen muss jetzt weiter erzählt werden, wir sind erst bei Kapitel eins oder zwei.

Was wird denn jetzt bei den Bundesligaklubs und ihren Umfeldern von der Euphorie ankommen?
Evers: Die Resonanz war riesig. Aber wir müssen dranbleiben. Die Vize-Europameister, die jetzt noch in Deutschland spielen, können bei jedem Spiel Erwähnung finden, damit die Leute vor Ort sehen, ach, die war auch dabei.

Das sind ja nicht viele, achtzig, neunzig Prozent der Nationalspieler sind bei ausländischen Klubs unter Vertrag.
Krohne: Margareta Kozuch, Corina Ssuschke-Voigt und Lisa Thomsen haben aber noch keinen neuen Klub. So lange sie in Deutschland sind, sollten wir sie uns zunutze machen.

Evers: Vielleicht spielen sie ja auch erst einmal in einem Bundesligaklub, bekommen aber eine Ausstiegsklausel, sobald ein attraktives Angebot eines neuen Vereins vorliegt. Wenn sie sich gar nicht präsentieren können, sinkt ihr Marktwert, davon haben die Spielerinnen ja auch nichts. Es macht natürlich wenig Sinn, wenn die alle beispielsweise in einem Klub untergebracht werden, der dann die Liga dominiert.
Krohne: Nein, das bringt nichts. Ein Erfolgsgeheimnis der Fußballer ist ja die Ausgeglichenheit der Liga. Natürlich gibt es die Top-Teams wie Bayern und Dortmund, aber auch die verlieren ja mal gegen die Kleinen. Im Volleyball hat keiner etwas davon, wenn nur die Duelle zwischen Schwerin und Dresden ihren Reiz haben. Die Liga hat mit ihren neuen Strukturen bereits die Weichen zu noch mehr Professionalität gestellt.

Spüren Sie schon mehr Bereitschaft in der Industrie, sich für Volleyball zu engagieren?
Krohne: Es rennt uns jetzt niemand die Tür ein, aber erste Erfolge gibt es. Das ist jetzt unsere Hausaufgabe, mit einer vernünftigen Präsentation auftreten zu können. Bei der Frauen-EM haben wir uns für viel Geld eine Medienauswertung erstellen lassen. Die Zahlen sind wirklich beeindruckend. Ich will jetzt das mediale Grundrauschen, das wir definitiv haben, und die Zahlen nutzen, um für uns zu werben.

Welche Werbeflächen sind noch frei?
Krohne: Mit der Ergo-Versicherungsgruppe haben wir den Vertrag verlängert, sie präsentiert sich künftig bei allen Nationalteams, auch im Nachwuchs, auf dem Trikotärmel und begleitet unsere Facebook-Fanseite. Die Trikotbrust ist für die Frauen- und Männer-Nationalteams noch offen. Das ist jetzt oberste Priorität, aber mehr wollen wir auch nicht, unsere Trikots sollen nicht zugepflastert werden.

Sponsoren brauchen Events, um sich wiederzufinden. Planen Sie schon was Neues?
Krohne: Wir haben uns für die Ausrichtung eines WM-Qualifikationsturniers bei den Männern beworben, das Anfang Januar in Ludwigsburg stattfinden würde. Eigentlich müssen wir jedes Jahr eine Großveranstaltung für Hallenvolleyball bieten. Ich erinnere mich auch gern an das Nationen-Turnier der Frauen, das über viele Jahre in Bremen stattgefunden hat. So eine Tradition schafft einen Wiedererkennungswert.

Die Frauen-EM brachte überraschend hohe TV-Quoten. Wird Sport1 jetzt der Haussender der Volleyballer?
Krohne: Sie wollen zumindest mit uns als DVV ein Gespräch führen, weil sie gemerkt haben, wie gut die Resonanz war. Mit solchen Zahlen hat keiner gerechnet. Ich hoffe, dass die Quoten bei der Männer-EM sechsstellig bleiben. Vielleicht kriegen wir ja auch mal jede Woche ein Bundesligaspiel live präsentiert.

Da ist die Liga speziell gefordert, sich einzubringen.
Evers: Es ist unser gemeinsamer Part. Volleyball ist ein Paket aus Liga und Verband. In der Vergangenheit haben wir uns getrennt nach Partnern umgeschaut, hatten aber einzeln weniger zu bieten als im Verbund. Wir müssen uns auf die Dritten Programme zubewegen, das ist unsere gemeinsame Hausaufgabe.

Krohne: Es gibt auch das Signal der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, uns in das Paket aus Handball, Basketball und Eishockey einzubinden.

Nach den Frauen drängen nun auch die Männer ins Rampenlicht. Haben beide Nationaltrainer Giovanni Guidetti und Vital Heynen die gleiche Ausstrahlkraft?
Krohne: Man kann sie nicht vergleichen, der eine ist Italiener, der gern viel Leute um sich herum hat und einen großen Stab braucht. Vital Heynen ist da ganz anders, der hat ein kleines Team und kontrolliert gern alles selbst. Beide sind extrem fanatische Weltklassetrainer, wir sind glücklich, sie zu haben. Beide Verträge sollen noch bis zu den Olympischen Spielen 2016 laufen.

Beide brauchen aber einen Sportdirektor, der sie hauptamtlich unterstützt, den es aber seit über einem Jahr nicht gibt.
Evers: Wir haben die eierlegende Wollmilchsau noch nicht gefunden. Einen, der konzeptionell arbeitet, der alles kontrolliert und überwacht, und der auch von den Bundestrainern akzeptiert wird, der sich mit ihnen auch mal streitet, aber immer im Sinne eines gemeinsamen Erfolges. Diese Persönlichkeiten sind rar auf dem Markt. Außerdem haben Männer und Frauen bei uns den gleichen Stellenwert. Ein Sportdirektor ist eine entscheidende Position, die uns langfristig sportlich noch weiter nach vorn bringen kann. Wenn wir einen Heiner Brand des Volleyballs finden würden, nehmen wir den sofort.

Krohne: Bis zu den Spielen in Rio sind es jetzt nur noch drei Jahre und mein Ziel ist es, dass wir mit allen Teams, Halle wie Beach, 2016 dabei sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir auf dieser Strecke auch bald einen geeigneten und starken Sportdirektor finden werden, der dem Profil, wie es Michael Evers beschreibt, entspricht. Bis Anfang des nächsten Jahres haben wir zudem hoffentlich einen Trikotsponsor gefunden, der uns neue finanzielle Spielräume eröffnet. Auch das wird helfen, diese Vakanz zu lösen.

Ist denn der Verband mit seiner Geschäftsstelle in Frankfurt personell gut aufgestellt?
Krohne: Leider noch nicht. Da fehlt beispielsweise ein Jurist, der alle Verträge ausarbeitet. Da fehlt auch jemand für die Finanzen, das machen gerade Generalsekretär Jörg Ziegler und ich. Da fehlen auch noch Öffentlichkeitsarbeiter. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.

(Klaus Wegener/Volleyball Magazin)

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