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Handball Deutschland: Anspruch und Wirklichkeit. Das DHB-Dilemma

Olympia Tokio 2021 – Deutschland – DHB Handball Team – Foto: Sascha Klahn/DHB

Handball Deutschland DHB Männer: Dialog mit meinem Enkel über die deutsche Nationalmannschaft nach Olympia und Handball WM 2021.

Ein Kommentar von SPORT4FINAL-Redakteur Frank Zepp.

Seit dem 18. Januar 2021 meldete sich mein Enkel (12) nicht mehr zu aktuellen Fragen um den deutschen Handball. Nun, also kurz vor Schulbeginn und nach den Olympischen Spielen in Tokio, will der Enkel wieder einige, ihn bewegende Fragen von mir beantwortet bekommen.

Na gut, lieber Enkel, lass uns starten. Ich versuche, Dir bei der Beantwortung ein wenig die Augen zu öffnen. Sachlich kritisch – eigentlich wie immer.“

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14.08.2021 – SPORT4FINAL / Frank Zepp:

Handball Deutschland DHB Männer – Dialog mit meinem Enkel: „Großvater, in diesem Jahr waren die Ergebnisse unserer Männer bei der Handball Weltmeisterschaft und in Tokio bei den Olympischen Spielen nicht so berauschend. Gibt’s dafür eine Erklärung?“

Lieber Enkel, Du sprichst das Grund-Dilemma im deutschen Männer-Handball an. Denn Anspruch und Wirklichkeit liegen seit Jahren weit auseinander. Die öffentlichen Statements der DHB-Offiziellen von Präsident Andreas Michelmann, DHB-Sportvorstand Axel Kromer und DHB-Vize Bob Hanning sind von großem Optimismus und fehlendem Realismus geprägt. Die Ergebnisse seit dem Europameister-Titel 2016 beweisen dies leider. Aber hierüber weiter intensiv zu „philosophieren“, hieße „Eulen nach Athen zu tragen“.

Trotz alledem: Diese Dilemma-Schere würde nicht so gravierend sein, wenn die deutschen Handball-Männer wirklich seit Jahren konstant eine Weltklasse-Performance abrufen würden. Dies bedeutet, konstant unter die besten vier Teams bei großen Titelkämpfen (Halbfinale) zu kommen und dabei als Mannschaft in den Top-Matches eine Weltklasse-Leistung höchster Qualität zu zeigen. Für dieses große Ziel benötigt eine Mannschaft auch einige Weltklasse-Spieler in ihren Reihen. Dies ist auch bei uns seit Jahren nicht der Fall. Die international hochrangigen Akteure entwickeln sich in den Vereinen am besten, die in der Champions oder European League Woche für Woche stark gefordert werden und ihre Leistungen abrufen können.

Aber Großvater, wir waren doch 2016 Spitze in Europa und besaßen in Andi Wolff und Tobi Reichmann zwei Spieler im All-Star-Team der Europameisterschaft in Polen. Was ist danach passiert?

Dann werfen wir mal einen kurzen historischen Blick-Zurück, lieber Enkel. Dieser beweist die ergebnismäßige Abwärts- und Seitwärts-Tendenz im Männer-Handball Deutschlands:

2016: Europameister und Olympia Bronze

2017: WM-Neunter

2018: EURO-Neunter

2019: WM-Vierter

2020: EURO-Fünfter

2021: WM-Zwölfter und Olympia-Sechster

Was bei diesen Ergebnissen besonders ins Gewicht fiel, dass waren die verlorenen Top-Spiele gegen Mit-Favoriten seit 2017, lieber Enkel. Das ist nicht nur Zufall, sondern auf die fehlende sportliche Qualität unserer Jungs auf höchstem Level zurück zu führen. Denn seit dem Europameister-Titel 2016 wurde nur noch ein wichtiges Spiel gegen eine Top-Mannschaft gewonnen: Das Hauptrunden-Spiel bei der Heim-WM 2019 in Köln gegen Kroatien mit 22:21, was gleichzeitig den Einzug ins WM-Halbfinale bedeutete.

Die verlorenen Top-Matches: 2017 WM-Achtelfinale gegen Katar, 2018 EM-Hauptrunde gegen Spanien, 2019 WM-Halbfinale gegen Norwegen und Bronze-Match gegen Frankreich, 2020 bei der EHF EURO gegen Spanien (Vorrunde) und Kroatien (Hauptrunde), 2021 bei der WM in Ägypten gegen Ungarn und Spanien, bei Olympia in Tokio gegen Spanien, Frankreich (Vorrunde) und Ägypten (Viertelfinale).

Unserer Mannschaft fehlen auch die Top-Spieler internationalen Formats. Das zeigt folgende Statistik der All-Star-Teams seit der Handball WM 2019 in Deutschland:

                           WM 2019           EURO 2020           WM 2021              Olympia 2021

Torhüter            Niklas Landin      Perez de Vargas    Andreas Palicka   Vincent Gerard

Rechtsaußen    Ferran Sole         Blaz Janc              Ferran Sole           Aleix Gomez

Kreis                  Bjarte Myrhol      Bence Banhidi       Ludovic Fabregas Ludovic Fabregas

Linksaußen       Magnus Jondal  Magnus Jondal      Hampus Wanne    Hugo Descat

Rückraum re.    Fabian Wiede    Jorge Maqueda      Mathias Gidsel      Yahia Omar

Rückraum mi.   Rasmus Lauge   Igor Karacic           Jim Gottfridsson    Nedim Remili

Rückraum li.     Sander Sagosen Sander Sagosen   Mikkel Hansen      Mikkel Hansen

Verteidiger                                    Hendrik Pekeler

MVP                   Mikkel Hansen   Domagoj Duvnjak  Mikkel Hansen      Mathias Gidsel

Wenn auch manchmal die Wahl einzelner Spieler ins All-Star-Team umstritten ist, so zeigt die Übersicht aus deutscher Sicht deutlich, dass es nur Fabian Wiede und Hendrik Pekeler schafften, in den elitären Kreis der Weltklasse bei den wichtigsten Turnieren gewählt zu werden.

Du führst mich wohl gerade zum nächsten Problem der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Männer, lieber Opa?

Du denkst ja echt gut mit. Ja sicher, es sind die fehlenden Weltklasse- bzw. Führungsspieler in den deutschen Reihen. Diese Fragestellung wird nun auch schon länger beklagt und steht auch mit den fehlenden sportlichen Erfolgen in engem Zusammenhang. Die deutsche „goldene Generation“ der ersten Dekade dieses Jahrtausends mit bspw. Henning Fritz, Markus Baur, Holger Glandorf, Christian Schwarzer, Stefan Kretzschmar, um nur einige ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu nennen, gibt es aktuell nicht in der deutschen Nationalmannschaft. Mehr noch: Es gibt auch aktuell bis auf Hendrik Pekeler keinen konstant hochklassig agierenden Unterschieds-Spieler von Weltklasse-Format. Andere Nationen weisen mehrere Akteure von dieser Qualität auf – siehe auch die All-Star-Teams der vergangenen Jahre. Fabian Wiede hätte sich wahrscheinlich auch dazu entwickelt, wenn ihn nicht in der Vergangenheit Verletzungen behinderten.

Kannst du noch ein paar Spieler nennen, die aufgefallen sind, Großvater?

Mit Philipp Weber wurde in der Angriffssteuerung die deutsche Qualität in Ägypten und Tokio im Vergleich zu den Vorjahren angehoben. Aber auch Weber ist noch lange nicht Weltklasse wie Duvnjak, Cindric, Lauge, Lekai, Gottfridsson, Karacic oder Mahe auf seiner Regie-Position im Benchmark-Vergleich. Denn dieses Prädikat muss man sich mit konstant sehr guten Leistungen auf Welt-Niveau über mehrere Jahre erarbeiten.

Eine umgekehrte Entwicklung nahm Torhüter Andreas Wolff, der seit seiner Weltklasse-Vorstellung bei der Europameisterschaft 2016 in Polen nie mehr diese Qualität auf die Platte brachte, auch nicht in Kiel hinter Landin und unter Trainer Alfred Gislason. Wolff geht seit Jahren mit kritischen Gedanken öffentlich vorne weg, nur seine sportliche Leistung kann da nicht mehr mithalten.

Talent und auszubauende Spielfähigkeiten besitzt der 20-Jährige Juri Knorr allemal. Er könnte der Mann der Zukunft innerhalb der spielstrategischen Achse Torhüter-Rückraum-Mitte-Kreisspieler werden. Aber auch er muss sich erst in Top-Vereinen, wie jetzt bei den Rhein-Neckar Löwen, auf der Spielmacher-Position durchsetzen und dies in der European League Woche für Woche sowie in der Nationalmannschaft beweisen. Da reicht der „normale“ Bundesliga-Alltag nicht aus.

Eine besondere „Gretchenfrage“ habe ich noch, lieber Großvater. Hat die „Wachablösung“ auf dem Bundestrainer-Posten von Christian Prokop zu Alfred Gislason bereits eine Weiterentwicklung unserer Nationalmannschaft gezeigt?

Da kann ich Dir, lieber Enkel, mit einem klaren Nein antworten. Der Wechsel von Christian Prokop zu Alfred Gislason offenbarte bislang keine Team-Weiterentwicklung. Dies auch unter Berücksichtigung der Corona-Sonderbedingungen 2020 und der Ergebnisse sowie sportlichen Qualität der Mannschaft in diesem Jahr bei der Weltmeisterschaft und den Olympischen Spielen. Verbesserte Ansätze im Angriffsspiel müssten künftig erst auf höherem Niveau bestätigt werden. Die Mannschaft erarbeitete sich neben der 6-0-Deckung eine zweite, offensive 3-2-1-Abwehr unter Gislason. Nach den Rücktritten von Pekeler, Weinhold und Bitter muss sich aber auch die Deckung neu ausrichten. Der Abgang von Kapitän Gensheimer fällt sportlich nicht so ins Gewicht, weil er seit 2019 nicht mehr auf hohem Niveau agierte.

Was aber am „Rande“ deutlich auffiel: Die jahrelangen Diskussionen (2018 bis 2020) um die Weiterbeschäftigung von Christian Prokop ließen keine kritische Analyse und Auseinandersetzung mit dem wahren Leistungsstand der deutschen Nationalmannschaft im Vergleich zur Weltspitze zu. Im Gegenteil, sie wurde eher unter den Teppich gekehrt oder in den DHB-Amtsstuben nur ansatzweise geführt.

Eine Frage ist mir gerade noch eingefallen, Großvater. Wie geht’s mit dem Bundestrainer weiter? Bleibt er oder geht er?

Alfred Gislason bleibt natürlich vorerst. Wie lange ist sicher eine Frage der Erfolge oder Misserfolge auf Sicht bzw. Zeit. Seine Qualitäten als deutscher Bundestrainer muss Alfred Gislason aber erst noch beweisen, indem er die deutsche Nationalmannschaft in den nächsten Jahren wirklich in die absolute Weltspitze führt, dort konstant über Jahre mit dem Erreichen von Halbfinals bei WM, EM und Olympia hält sowie auch Medaillen gewinnt, was letztmalig den deutschen Herren 2016 gelang. Dies beinhaltet natürlich die Weiterentwicklung des Teams sportlich und strategisch in den Hallen dieser Welt. Das „Zeug“ dazu hat er sicherlich durch viele Erfolgsjahre als Vereins-Trainer in Magdeburg und Kiel erworben. Aber eine Nationalmannschaft zu führen ist scheinbar eine noch schwierigere Angelegenheit. Erst mit einem großen Titel bei den genannten Events wird Gislason auch diesen Trainer-Olymp erklimmen.

So, lieber Enkel, ein scheinbares „Rand-Thema“ möchte ich noch kurz anreißen. Darüber haben wir noch nicht diskutiert. Es geht um die Handball Bundesliga der Saison 2020/2021. Eine Spielzeit unter „Corona-Bedingungen“, die erst spät am 1. Oktober 2020 begann und mit 20 Vereinen, anstatt wie üblich mit 18 Clubs, durchgeführt wurde. Insofern wurden 4 Spieltage mehr angesetzt und „durchgezogen“. Ende Juni 2021 hatten die deutschen Nationalspieler gerade mal eine Woche Zeit der Erholung und Regeneration. Die Vorbereitung auf Olympia startete sehr spät am 5. Juli und viel später als andere Nationen, wie zum Beispiel beim Olympiasieger Frankreich am 23. Juni, als die deutsche Bundesliga noch lief.

Wenn in einer Saison die Handball Weltmeisterschaft und Olympische Spiele stattfinden, zudem noch Corona ein brisantes Thema ist, die gesundheitsgefährdende Überbelastung der Nationalspieler übermenschliche Züge annimmt, dann hätte die Bundesliga die Anzahl der Spiele reduzieren müssen und mit Hilfe eines K.-O.-Modus‘ den Meister ermitteln können. Insofern wurden die objektiven Erfolgsaussichten für ein gutes Abschneiden in Tokio, sprich Halbfinale oder Medaille, durch die Verantwortlichen der HBL sowie der Vereine von vorn herein geschmälert. Meine Kritiken an der fehlenden Team-Entwicklung sowie Weltklasse-Performance der DHB-AUSWAHL auch unter Alfred Gislason halte ich aber trotzdem für absolut inhaltlich gerechtfertigt.

Und noch ein „brisantes Thema“, lieber Enkel. Der Bundestrainer muss im Hinblick auf die EHF EURO 2024 in Deutschland sowie die Olympischen Spiele 2024 in Paris eine grundsätzlich neue deutsche Nationalmannschaft aufstellen. Der personelle Umbruch nach den vier Rücktritten in dieser Woche muss noch größer ausfallen. Ein „Weiter so“ bis 2024 kann und sollte es nicht mehr geben, lieber Enkel. Aber darüber können wir ja beim nächsten Mal diskutieren …

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